Nicht dass man sich wegen mangelnder Live-Mitschnitte von Steve Hackett beklagen müsste, doch der Ausnahmegitarrist lässt sich für seine Konzerte stets etwas aufregend Neues einfallen, um sein Publikum bei der Stange zu halten. Da es sich - das weiß er bei aller Vehemenz, mit der er sich künstlerisch andauernd neu erfindet, wahrscheinlich nur zu gut - bei seinen Fans immer noch größtenteils um alte Genesis-Verehrer handelt, würdigt er seine Vergangenheit bei der Prog-Legende ihretwegen regelmäßig … auch wenn solche Projekte meistens einen besonderen Haken haben.
So ist es nun auch im Fall von "Selling England By The Pound & Spectral Mornings", dessen Titel bereits andeutet, dass Hackett nicht plump auf nostalgischen Empfindungen reitet. Das Programm, das im November 2019 im ausverkauften Hammersmith Apollo in London aufgenommen wurde, umfasst den frühen Bandklassiker “Selling England By The Pound” in voller Länge und Hacketts 1969 erschienene Soloscheibe “Spectral Mornings” in Auszügen als Einleitung - vermischt mit ausgesuchten Tracks des noch aktuellen Longplayers “At The Edge Of Light”.
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Die Hauptattraktion ist zweifelsohne der Genesis-Meilenstein von 1973, bei dem sich Frontmann Nad Sylvan als souveräner Peter-Gabriel-Imitator vollends entfalten darf. Als "Sternchen" in der Setlist leuchtet 'Déja Vu' besonders hell da die Nummer zu den unvollendeten Kompositionen der Gruppe zählte, bis Steve sich ihrer annahm, doch auf einem offiziellen Album ist sie nie erschienen.
Hackett und sein vielköpfiges Ensemble - u.a. Sängerin Amanda Lehmann und Bruder John (Gitarre, Flöte während 'The Virgin And The Gypsy und 'The Red Flower Of Tai Chi Blooms Everywhere'), Holzbläser und Co-Sänger Rob Townsend sowie Bass-Virtuose Jonas Reingold (u.a. The Flower Kings) - schaffen einen souveränen Spagat zwischen Werktreue und einer individuellen Interpretation, die wider Erwarten selbst für Menschen reizvoll ist, die das Material quasi im Schlaf rekapitulieren können.
Belege dafür: das liebliche 'The Virgin And The Gypsy', das unsterbliche 'Clocks' mit seinen zahlreichen Wendungen, die zu verwinden immer noch einige Anstrengung kostet und 'The Battle Of Epping Forest', wofür das Wort "episch" quasi erst erfunden werden musste, sowie die unvermeidbaren Zugaben 'Dance On A Volcano' und 'Los Endos'. Wählt man auf der DVD bzw. Blu-ray übrigens die Surround-Option, darf man sich einmal mehr von Steven Wilsons Fertigkeiten als Mischer solcher Breitwand-Sounds überzeugen.
FAZIT: Davon abgesehen, dass Steve Hackett mit diesem Album ein weiteres in allen Belangen souverän in Szene gesetztes Live-Album gelungen ist, unterstreicht "Selling England By The Pound & Spectral Mornings" die Tatsache, dass niemand anders in vergleichbarer Regelmäßigkeit Konzertmitschnitte veröffentlicht, die man wirklich gehört haben sollte. Geldschneiderei? Nicht die Bohne! <img src="http://vg08.met.vgwort.de/na/343843b4f9a544c9bdd8b45d532c7868" width="1" height="1" alt="">
Erschienen auf www.musikreviews.de am 22.09.2020
Jonas Reingold
Nad Sylvan, Amanda Lehmann, Steve Hackett
Steve Hackett
Roger King
Craig Blundell
Rob Townsend (Saxofon, Flöte), John Hackett (Flöte)
Inside Out / Sony
127:15
25.09.2020