Der dritte Teil der „Emotional Creatures“-Saga von Steve Thorne bietet eine melodische, symphonisch angehauchte Spielart des Progressive Rock, die auch Prog-Agnostikern, die eher auf gepflegten Pop stehen, gefallen könnte. Das erinnert in den besseren Momenten, gerade weil Thorne stimmlich nicht weit entfernt ist, an die publikumsfreundlichen Stücke Peter Gabriels („Psalm 2.0“), in den schlechteren ergeht sich der britische Musiker in salbungsvollem Art-Pop-Sulz, der seinem missionarischen Eifer geschuldet ist („Waking Up““ und der fast schon Schunkelschlager „Monkey Business“). Ein bisschen Folk- und Weltmusik gesellt sich hinzu und ergibt harmlose, gefühlige Musikstückchen, die man auch zum Hausputz gut hören kann.
Nette Musik könnte man meinen, doch leider entpuppt sich das „nett“ als fast sprichwörtliches Gegenteil. Denn die kleinen, scheinbar so freundlichen Weisen besitzen Texte. Für die Alleinunterhalter Thorne mit Inbrunst selbst verantwortlich ist. Man fragt sich, was im 21. Jahrhundert schiefgelaufen ist, dass Menschen sich freiwillig wieder ins mentale Mittelalter begeben. „Thunderbolt and lightning, very, very frightening me, Galileo (Galileo) Galileo (Galileo), Galileo, Figaro (Magnifico)“, bringt Freddy M. es auf den Punkt. Die Ängste des kleinen Steve vor Donner, Blitz, der Erdkrümmung und der Schwerkraft. Nicht nur die Erde rotiert. Auch Galileo im Grab.
Thorne leugnet die Mondlandung (okay, er hat „Unternehmen Capricorn“ gesehen und kennt auch die rote Pille aus „Matrix“. Aber scheinbar hat ihm niemand gesagt, dass der Film nicht mehr läuft, wenn das Licht angeht), hält die Erde für eine Scheibe, Wissenschaft für einen bösen Kult, Evolution für einen Witz, den Fische Affen erzählen und bedauert uns Schlafschafe, die Aufklärung und Ratio dort verorten, wo er finstere Propaganda vermutet. Das Ganze ist gespickt mit Pathos, Binsenweisheiten (die schlichte Welteinteilung in „die da oben“ und „wir hier unten“) und einer Selbstgerechtigkeit, deren Dumpfheit sich bis in die selbstverfassten Liner Notes zieht.
Geschwurbel a la carte, von der Grundgesinnung her immerhin etwas freundlicher als die verwandten geistigen Herumtaumler Xavier Naidoo und Attila Hildmann, bei denen die beschworene Irrationalität bereits bedrohlich und im Falle Hildmanns offensichtlich paranoid-faschistoid wirkt. Da ist Thorne glücklicherweise noch nicht angelangt, aber verdaulicher wird sein geistiger Dünnpfiff deshalb auch nicht. Womit wir wieder bei „nett“ wären.
FAZIT: Ja, man kann die Musik (zu zwei Dritteln) goutieren, wenn man bei den Texten auf Durchzug schaltet. Okay, die „Little Boat“-Metapher und ihr verkrampft ironischer musikalischer Ansatz ist auch ohne Text Grütze.
„Levelled – Emotional Creatures: Part 3“ ist der perfekte Soundtrack für Flacherdlinge, Chemtrailbesoffene und rückwärtslaufende Kreationisten. Wir reptiloiden Schlafschafe spielen lieber Frisbee mit der silbernen Scheibe und schauen, ob es für eine Erdumrundung langt.
Erschienen auf www.musikreviews.de am 30.06.2020
Steve Thorne
Geoff Lea
Kyle Fenton
Steve Thorne (all instruments), Gina Briant (flute)
White Knight Records/Just For Kicks
53:58
06.03.2020