Ist der Rummel, der im Vorfeld um RUNNING WILDs neues Album gemacht wurde, eher dem Wunschdenken geschuldet, die deutschen Metal-Veteranen würden auf ihre alten Tage ("verjüngte" Besetzung hin oder her) noch einmal einen richtigen Knaller der Marke "Black Hand Inn" und "Blazon Stone" veröffentlichen, oder wirklich berechtigt?
Vorab darf man konstatieren, dass "Blood On Blood" die beste Produktion der Band seit Langem aufweist, und apropos "Black Hand Inn". 2021 setzen Rock´n´Rolf und seine Zuarbeiter die Story um das Vermächtnis des ominösen John Xenir quasi fort, indem sie im ausladenden ´The Shellback´ auf das melodische Hauptmotiv des Titeltracks jener Platte zurückgreifen, und die Status-Quo-Boogie-Anwandlungen, die es auf Platten der Gruppe in jüngerer Vergangenheit gab, gehören bis auf weiteres ebendieser an.
Das heitere Titelstück rifft zu Beginn im für Frontmann Kasparek charakteristisch flirrenden Spilstil, bleibt aber rockiger als nach den vielen "back to the roots"-Gerüchten um "Bllod On Blood" erwartet. Die Stimmung und Ausrichtung dieses Openers setzen sich später in den mit doofen Party-Texten verbrämten Nummern ´Wild and Free´ (Auspuff-Röhren inklusive) und ´Wild, Wild Nights´ fort, die rein musikalisch unterdessen im positiven Sinn an Groover wie die "Masquerade"-Perle ´Metalhead´ gemahnen.
Doublebass-Sperrfeuer vom Schlage Jörg Michaels, wie es bei RUNNING WILD Mitte bis Ende der 1990er an der Tagesordnung stand, wird man vermutlich im Leben nicht mehr von den Nordlichtern vernehmen, aber kompositorisch und klanglich hat auch der Rest des aktuellen Materials Hand und Fuß. ´Wings of Fire´ gefällt im Midtempo mit Accept-kompatiblem Stampf-Rhythmus und schmissiger Refrain-Melodie, ehe ´Say Your Prayers´ noch weiter gen Hardrock tendiert und dabei ebenfalls eine gute Figur abgibt.
Rhythmisch bleibt "Blood On Blood" insgesamt zu inflexibel. Rock und Co. dümpeln wie die alten Männer, die sie sind, vor sich hin, wenn man vom flotteren ´Diamonds and Pearls´ (weiterer echt starker Refrain) und der richtiggehenden Ballade ´One Night, One Day´ (Totalausfall mit furchtbaren Eighties-Kitsch-Drumsamples und Bierzelt-Schunkel-Faktor)
´The Iron Times (1618-1648)´ gehört als fast elf Minuten dauerndes Finale, das vom ruhigen Intro über mehrere Tempo- und Atmosphären-Wchsel hinweg zig Wandlungen durchläuft, bevor man sich Rondo-mäßig wieder am Anfang wähnt, zu den typischen RUNNING WILD-Abschlussepen eines Albums, das zwar mehr Licht als Schatten fallenlässt, aber bestenfalls zum gehobenen Mittelmaß der Diskografie der Combo zählt.
FAZIT: Texte über historische Weissagungen, Templer und noch mehr Altertümliches zwischen Fakt und Fiktion sind für RUNNING WILD nichts Neues, doch ansonsten vereint "Blood On Blood" einige erfreuliche alte Tugenden der Freibeuter, ohne dass man von jenem in Aussicht gestellten Comeback mit ähnlichen Qualitäten wie die Band-eigenen Klassiker sprechen dürfte. Vielleicht klappts vor der Rente noch einmal in den kommenden Jahren… <img src="http://vg06.met.vgwort.de/na/1f2a083fd5e04e77b0ff7448a2e9b402" width="1" height="1" alt="">
Punkte: 11/15Erschienen auf www.musikreviews.de am 22.10.2021
Ole Hempelmann
Rolf Kasparek
Peter Jordan, Rolf Kasparek
Michael Wolpers
Steamhammer / SPV
55:57
29.10.2021