Mit "interrobang" machen SWITCHFOOT nicht nur ein Dutzend Studioalben voll, sondern auch Aufwärmübungen für ihr bevorstehendes 30. Jubiläum. Dabei stand die Entstehung des Materials vor dem Hintergrund des Corona-Ausbruchs im Frühjahr 2020 zunächst unter keinem guten Stern, doch die Ausnahmesituation verlieh der Band auch außerhalb ihres eingeschränkten Alltags neuerlichen Schwung, was notgedrungenen Einfallsreichtum anging.
Der lakonisch torkelnde Opener ´Beloved´ hätte in den frühen 1990ern jeder Britpop-Kapelle hervorragend gestanden, ehe ´Lost Cause´ allen Indie-Jammerlappen zeigt, wie man Melancholie glaubwürdig vermittelt - nämlich mit jener Weisheit, die der sowieso schon mit charismatischer Stimme gesegnete Bandkopf Jon Foreman im Lauf der Jahre privat gesammelt hat.
Folglich stellt sich im Laufe der Spielzeit der Platte der Idealzustand ein: Auf "interrobang" musizieren, leben, leiden und freuen sich erfahrene Künstler, die trotz Edelmetall-Auszeichnungen auf dem Boden geblieben sind und das Wesentliche - Pop-Hooks en masse - nicht aus dem Fokus verloren haben.
Auch weil Die US-Westküstler ihre neuen Lieder unter anderem im geschichtsträchtigen Sound City in ihrer kalifornischen Nachbarschaft aufgenommenen haben, wirkt beispielsweise ´Fluorescent´ wie ein vergessener Foo Fighters-Track, den der gern in derselben Produktionsstätte arbeitende Dave Grohl noch mit nahezu kindlicher Unbekümmertheit eingefädelt haben mag.
Klammert man das etwas zahnlose ´I Need You (To Be Wrong)´ aus, erlebt man anhand der restlichen zehn Stücke eine nostalgische Abfahrt, die rund 25 Jahre in der Geschichte zurückführt, wiewohl SWITCHFOOT nicht nur mit dem kammermusikalischen ´Wolves´ alte Beatles-Tugenden (Harmoniegesang, zuckersüße Vocal-Melodien) aufgreifen, also noch tiefer in der Historie graben.
FAZIT: Auf "interrobang" halten sich Retro-Indie und spritziges Gegenwarts-Songwriting (oder zeitlose Liedermacher-Kunst?) die Waage. SWITCHFOOT mögen zwar keine Chart-Schwergewichte mehr sein, haben aber nichts verlernt und sind vielleicht sogar noch nie so spannend gewesen, weil sie ohrenscheinlich total unvoreingenommen komponiert haben. <img src="http://vg04.met.vgwort.de/na/2f67abd9e65c47d8a4911882fd941a1c" width="1" height="1" alt="">
Punkte: 11/15Erschienen auf www.musikreviews.de am 13.08.2021
Tim Foreman
Jon Foreman
Jon Foreman, Jerome Fontamillas, Drew Shirley
Jon Foreman, Jerome Fontamillas
Chad Butler
Fantasy / Universal
45:23
13.08.2021