Zurück

Reviews

Brigid Mae Power: Dream From The Deep Well

Stil: Singer/Songwriter, Folk, Indie

Cover: Brigid Mae Power: Dream From The Deep Well

Selbst so tief in den Folk-Traditionen ihrer irischen Heimat verwurzelte Musikerinnen wie BRIGID MAE POWER können sich den Irrungen und Wirrungen der Jetztzeit nicht mehr kommentarlos entziehen. Mag der Titel des vierten Solo-Albums der Musikerin aus Galway – "Dream From A Deep Well" – noch eine folkloristische Anmutung haben, so geht es doch um mehr: Die von Power besungene tiefe Quelle ist nämlich eine 'Quelle der Information und der Weisheit'. Damit gemeint ist, dass die Musikerin sich genervt fühlte von den allgegenwärtigen Oberflächlichkeiten auf Instagram und anderen Social Media, an denen heutzutage viele Menschen ihre Wertesysteme festmachen, ohne sich weiter zu informieren – was zu einer Spaltung der Gesellschaft führe. Letztlich möchte die Künstlerin also sich – und natürlich jedermann und -frau – motivieren, etwas tiefer zu graben, um zu wirklich fundierten Informationen unter der Obefläche vordringen zu können. BRIGID MAE POWER meint dazu, dass sie einfach die Nase voll gehabt habe von dem, was man im Irischen gerne "Shite" nennt.

<center><iframe width="560" height="315" src="https://www.youtube.com/embed/locjQF4kF5Q" title="YouTube video player" frameborder="0" allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen></iframe></center>

Auch andere Songs überraschen durch eine unerwartet politische Note: BRIGID MAE POWER nahm eine Ukrainische Mutter und deren Tochter bei sich auf und schrieb den Song „Maybe It's Just Lightning“ über die Unbilden, denen sich insbesondere Frauen in Extremsituationen gegenüber sehen und die Kräfte, welche auf der anderen Seite über die Verbundenheit einer schwesterlichen Gemeinschaft entstehen und mobilisiert werden können.
Der Song „Ashling“ erzählt dann die Geschichte der irischen Lehrerin und Musikerin Ashling Murphy, die beim Joggen überfallen und ermordet wurde und betrachtet das gleiche Thema aus einer anderen Perspektive.

<center><iframe width="560" height="315" src="https://www.youtube.com/embed/5jyjjYuDFOU" title="YouTube video player" frameborder="0" allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen></iframe></center>

Andere Songs hingegen beschäftigen sich mit der Familie: "Counting Down" etwa ist eine Grübelei über Powers Situation als Musikerin und alleinerziehende Mutter, "Some Life You've Known" und "Waterford Songs" sind Reflexionen über Herkunft und Familie – und auch die Moritat "Down By The Glenside" (die z.B. von den DUBLINERS gespielt wurde) gehört zu dieser Art von Songs. Ein Stück, das BRIGID MAE POWER als Hommage an ihre verstorbene Großmutter, die diesen Song selbst gerne sang, auf die Scheibe nahm.
Das Tim-Buckley-Cover "I Must Have Been Blind" war der erste Song, den die Musikerin weiland auf MySpace veröffentlichte, weswegen sie dieses Stück aus sentimentalen Gründen noch einmal einspielen wollte.

<center><iframe width="560" height="315" src="https://www.youtube.com/embed/R_Qvs-43psE" title="YouTube video player" frameborder="0" allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen></iframe></center>

FAZIT: Ihre musikalische Laufbahn als Solo-Künstlerin kam in Schwung, als BRIGID MAE POWER nach einer gemeinsamen Show ihren zukünftigen Gatten, den amerikanischen Songwriter und Multiinstrumentalisten PETER BRODERICK, kennenlernte, der ihre Musik behutsam in eine neue musikalische Richtung führte. Obwohl sich das Paar inzwischen privat längst getrennt hat, arbeitet man professionell bis heute zusammen. Die Basis-Tracks spielten Power und Broderick zusammen im Lockdown ein (wobei es von Vorteil ist, dass Broderick unter anderem auch Drummer ist) und baten dann befreundete Musiker, ihre Beiträge aus der Distanz hinzuzufügen. Auf diese Weise entstand ein Sound-Design, das zwar grundsätzlich noch getragen ist von den Strukturen und Harmoniegefügen der Folk-Musik, jedoch in gewissen Passagen – etwa bei der autobiographischen Bestandsaufnahme „Counting Down“, dem Titeltrack oder „I'll Wait Outside For You“, auch gewisse Dream- und Indie-Pop-Elemente sowie ein wenig Psychedelia beinhaltet – was wohl auch damit zusammenhängen könnte, dass sich BRIGID MAE POWER musikalisch von frühen PINK FLOYD-Scheiben inspirieren ließ. „Deep Well“ ist jedenfalls das Album, mit dem sich das Musiker-Paar am weitesten aus der „Folk-Deckung“ wagt.

Punkte: 10/15

Erschienen auf www.musikreviews.de am 29.06.2023

Tracklist

  1. I Know Who Is Sick
  2. Counting Down
  3. Maybe It's Just Lightning
  4. I Must Have Been Blind
  5. Waterford Song
  6. Ashling
  7. I'll Wait Outside For You
  8. Dream From The Deep Well
  9. I Don't Know Your Story
  10. Some Life You've Known
  11. Down By The Glenside

Besetzung

  • Gesang

    Brigid Mae Power

  • Gitarre

    Peter Broderick

Sonstiges

  • Label

    Fire Records

  • Spieldauer

    47:50

  • Erscheinungsdatum

    30.06.2023

© Musikreviews.de