<img src="http://vg07.met.vgwort.de/na/6b5cd9a3a2fb493baf6b899f86acce96" width="1" height="1" alt=""> Die Remix-Arbeit an klassischen Alben von unter anderem Tears for Fears, XTC oder Roxy Music hat Steven Wilson in den vergangenen Jahren nicht unberührt gelassen - oder anders gedeutet: Auf seinem siebten Soloalbum lebt der Porcupine-Tree-Kopf seine Liebe zum New Wave, Art Pop und avantgardistischen Post Punk der Achtziger recht ungeniert aus… mit wechselhaften Ergebnissen.
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Wilson kehrt sich auf "The Harmony Codex" natürlich nicht komplett von der Musik ab, für die man ihn kennt; wenngleich das Album bis zu einem gewissen Grad einen Stilbruch markiert, wird es vor dem Hintergrund, dass sein Schöpfer derzeit in den Medien gegen alles und jeden in der Musikbranche wettert (die Prog-Szene, die ihn ja gar nicht kapiere, 15 Minuten Ruhm suchende Bands auf Bandcamp…), trotzdem heißer gekocht als gegessen.
Genaugenommen überzeugt die Platte immer dann, wenn der Mann einfach nur er selbst und zutiefst menschlich ist. Etwaige Ausflüge in Nu-Jazz-, oder Ambient-Gefilde (die im Grunde nichts Neues sind, wenn man sein gesamtes Schaffen rekapituliert) bleiben Zierrat, und Gesang, aufgeteilt unter verschiedenen Stimmen, spielt eine wichtige Rolle, wie es bei guten Songs meistens der Fall ist.
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So gänzlich traditionell geht es in 'What Life Brings' zu, einem zurückgelehnten Leisetreter, den Wilson streckenweise im Duett mit Ninet Tayeb intoniert und mit eleganten Gitarrenleads veredelt. Das tieftraurige 'Rock Bottom' ist ähnlich gestrickt und bleibt letztendlich die ergreifendste Nummer des Albums; auch 'Economies Of Scale' und 'Time Is Running Out' sind abgesehen von ihren nervösen elektronischen Beats typisch Wilson, was die Melodieführung und melancholische Stimmung betrifft, und unterm Strich im Verhältnis zum Rest geradezu kommerziell, auch wenn man diese Gesten zu keinem Augenblick als Anbiederung deuten würde.
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Das brodelnde 'Beautiful Scarecrow' tönt hingegen mit wenig Gesang und viel basslastiger Elektronik wie ein Soundtrack zu einem düsteren Blockbuster-Film und erhält in Form von 'Brutal Actual Facts' ein kompakteres Pendant. Ebenfalls auf der anderen Seite des kompositorischen Spektrums vernimmt man Ideenfetzen, die einfach ausgeblendet werden, um tonal, rhythmisch und klanglich neu woanders anzusetzen - beispielsweise im betont synthetischen 'Inclination', das sich letzten Endes zu einem Vokalstück mit Schreibmaschinen-Getacker nicht unähnlichem Stakkato-Groove zu dahingetupften Keyboard-Tönen mausert, oder während des fast elfminütigen und umgekehrt fast rockig erdigen 'Impossible Tightrope', das neben einem entrückten Chor auch zünftige Jam-Passagen mit wildem Saxofon enthält - as proggy as it gets, ob's dem Szene-Verächter selbst passt oder nicht.
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Das Titelstück schwillt dementsprechend "schulmeisterlich" über fast zehn Minuten hinweg zu weiblichem Sprechgesang und repetitiven Keyboard-Arpeggien an und ab. Das abschließende 'Staircase' - wieder neuneinhalb Minuten schlägt in eine vergleichbare Kerbe und strotzt vor instrumentalem Einfallsreichtum (allein die verschlungenen Basslinien sind ein Hinhörer) und lässt die Platte nachgerade entspannt beziehungsweise verhalten positiv enden.
Die 2CD/Blu-ray-Edition des Albums enthält mit "Harmonic Distortion" eine 77-minütige Alternativ-Interpretation der Songs von den Manic Street Preachers, Roland Orzabal (Tears For Fears), Mikael Åkerfeldt (Opeth), Interpol, Meat Beat Manifesto, Faultline und Radiophonic Workshop. Dieses Material liegt nicht zur Besprechung vor.
FAZIT: Auf "The Harmony Codex" kann sich Steven Wilson in puncto verrückter Unberechenbarkeit beinahe mit Devin Townsend messen, auch wenn man ihn in diesem Leben vermutlich nicht mehr (im Gegensatz zu dem Kanadier) mit irgendwie humorvoller Musik aufwarten sehen wird. Auch deshalb ist die Platte mehr als jede der vorangegangenen Konzeptmusik respektive reine Klangkunst, die als Ganzes betrachtet werden und wirken muss. Potenzielle Wilson-"Hits" finden sich hier nicht. Dessen ungeachtet wirkt das Album viel mutiger als das letzte von Porcupine Tree, das sich nach anfänglicher Begeisterung schnell abnutzte; ob sich "The Harmony Codex" analog zu Wilsons Chuzpe als langlebig herausstellt, müssen wir abwarten, während wir weiter lauschen.
Aber vielleicht noch einmal zurück zu seinen mitunter anmaßenden Äußerungen in der Presse: Steven, du tust gut daran, nicht selbst an die Kultfigur zu glauben, zu der Fans (und Verächter) dich verklärt haben. Sei dir selbst wichtig, statt Geltung bei anderen zu heischen, indem du sie unnötigerweise vor den Kopf stößt.
Punkte: 11/15Erschienen auf www.musikreviews.de am 22.09.2023
Guy Pratt, Nick Beggs
Steven Wilson, Ninet Tayeb
Lee Harris, Steven Wilson
Steven Wilson
Nils Petter Molvær (Trompete), Jack Dangers (Programming)
Virgin
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29.09.2023