Zurück

Reviews

Steve Hackett: The Circus and the Nightwhale

Stil: Progressive Rock

Cover: Steve Hackett: The Circus and the Nightwhale

<img src="http://vg07.met.vgwort.de/na/0ed87c05d9744140b64939f580cf5a2e" width="1" height="1" alt=""> Der Titel von STEVE HACKETTs neuem Studioalbum bezieht sich auf den Roman "Melancholie des Widerstands" (1989) des ungarischen Schriftstellers László Krasznahorkai, eine alptraumhafte Parabel von Macht und Angst vor dem Chaos im Geiste Franz Kafkas. Ein Großmeister des als weltfremd und eskapistisch verschrienen klassischen Progressive Rock als Sozialkommentator? In jedem Fall ist "The Circus and the Nightwhale" das erste richtige Konzeptalbum des ehemaligen Genesis Gitarristen seit seinem Solodebüt "Voyage Of The Acolyte" (1975), das wiederum ein Jahr nach seinem Genesis-Abschied "The Lamb Lies Down on Broadway" erschien, einem der Schlüssel-Konzeptalben der Rockgeschichte. Über den Inhalt seines offensichtlich autobiografisch gefärbten neuen Werkes äußert sich Hackett kryptisch. "Es sagt die Dinge, die ich schon seit langer Zeit sagen wollte.“

<center><iframe width="560" height="315" src="https://www.youtube.com/embed/x_iujNWzPL0?si=JBaDFEH6BdFKOzMI" title="YouTube video player" frameborder="0" allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen></iframe></center>

Wie dem auch sei, die äußerst kompakten neuen Stücke des Briten erzählen von der jungen Figur Travla ("traveller", also "Reisender"), die im dreckigen London der 1950er aufwächst, und lauscht man den Vocals (Nad Sylvan zeigt einmal mehr seine außergewöhnlichen schauspielerischen Qualitäten), stellt man schnell fest, dass die Texte meilenweit von Elfen, Feen oder sonstigen Fantastereien entfernt sind. Die ungebrochen ideenreiche und virtuos performte Musik ist das genaue Gegenteil davon, wobei man angesichts der Tatsache, dass Hackett erst 2021 sowohl die Akustik-LP „Under A Mediterranean Sky“ als auch das rockigere Studioalbum „Surrender Of Silence“ veröffentlichte, immerzu auf Tour war und erst 2023 ein umfangreiches Dokument seiner jüngsten Shows herausbrachte ("Foxtrot At Fifty + Hackett Highlights: Live in Brighton") nur staunen kann über dieses Maß an Kreativität.

<center><iframe width="560" height="315" src="https://www.youtube.com/embed/1Dhfj2Kuk-E?si=Q-ZJonRm0wNh95Ds" title="YouTube video player" frameborder="0" allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen></iframe></center>

Stilistisch wirkt das erneut mit einer internationalen Besetzung aus festen Musikern in Hacketts Ensemble und Gästen aufgenommene Album wie ein kompaktes Destillat nahezu aller Phasen von Hacketts Karriere, oft quasi verkürzt in Zwischenspielen wie dem zugleich mediterranen und Bar-bluesigen Akustikstück 'Found And Lost' oder dem harten Jazzrock 'Breakout', an den sich wiederum ein abstraktes Ambient Stück ('All At Sea') anschließt. Symphonic Prog ('Into the Nightwhale'), ein Jethro-Tull-mäßiges 'Enter the Ring' oder lyrische Balladen ('Ghost Moon And Living Love') machen "The Circus and the Nightwhale" genauso aus wie erdiger Hardrock ('Wherever You Are'). Große Refrains bleibt der Künstler wieder schuldig, aber so ist er eben: ein weltgewandter und bis zuletzt kryptischer Geschichtenerzähler, der auch mit einem vergleichsweise realitätsnahen Album wie diesem zum Träumen anregt…

<center><iframe width="560" height="315" src="https://www.youtube.com/embed/DhXFA7B08xM?si=rdlKJVGB9OdBhaE5" title="YouTube video player" frameborder="0" allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen></iframe></center>

FAZIT: Mit seinem 28. (!) Studioalbum knüpft Steve Hackett in denkbar kürzester Form an seine frühen Werke an. "The Circus and the Nightwhale" verbreitet auch durch Denise Marshs klassisch anmutendes Artwork das Flair der Gründerzeit des britischen Progressive Rock, klingt aber aufgrund seiner schieren musikalischen Bandbreite vielmehr nach zeitgenössischer Weltmusik. Das Textkonzept macht es zu einer Art von akustischem Bildungsroman und umso reizvoller. Wie viele Wunderwerke schafft der bei Erscheinen dieser Platte 74-Jährige noch, ehe er von der Bühne treten wird. Auf alle Fälle können sich über 90 Prozent des rockmusikalischen Altenstifts ein Beispiel an Hacketts anhaltender Relevanz nehmen.

Punkte: 13/15

Erschienen auf www.musikreviews.de am 06.02.2024

Tracklist

  1. 01 - People Of The Smoke
  2. 02 - These Passing Clouds
  3. 03 - Taking You Down
  4. 04 - Found And Lost
  5. 05 - Enter The Ring
  6. 06 - Get Me Out
  7. 07 - Ghost Moon And Living Love
  8. 08 - Circo inferno
  9. 09 - Breakout
  10. 10 - All At Sea
  11. 11 - Into The Nightwhale
  12. 12 - Wherever You Are
  13. 13 - White Dove

Besetzung

  • Bass

    Steve Hackett, Jonas Reingold

  • Gesang

    Steve Hackett, Nad Sylvan, Amanda Lehmann

  • Gitarre

    Steve Hackett

  • Keys

    Roger King, Malik Mansurov, Benedict Fenner

  • Schlagzeug

    Craig Blundell, Nick D’Virgilio, Hugo Degenhardt

  • Sonstiges

    Rob Townsend (Saxofon, Flöte)

Sonstiges

  • Label

    Inside Out / Sony

  • Spieldauer

    45:00

  • Erscheinungsdatum

    16.02.2024

© Musikreviews.de