<img src="http://vg05.met.vgwort.de/na/b29e51aba81f445e8814586ec7d43f29" width="1" height="1" alt=""> Rund drei Jahrzehnte nach dem ursprünglichen Release erscheint EDGE OF SANITYs "Unorthodox" nun in einer umfassend erneuerten Ausgabe, der man die Sorgfalt und die persönliche Verbundenheit Dan Swanös in jeder Sekunde anmerkt. Das Album war schon 1992 als Schritt in eine ambitioniertere, komplexere Richtung gedacht, doch die Produktion entstand unter erheblichem Zeitdruck. Dadurch ergaben sich spürbare klangliche Unterschiede zwischen den einzelnen Songs: Manche konnten im Studio bis ins Detail ausgearbeitet werden, während andere unter Terminstress abgeschlossen werden mussten. Das damalige Mastering von Peter in de Betou milderte diese Uneinheitlichkeit, doch Swanö selbst haderte jahrelang mit diesen Diskrepanzen und wollte dem Album die Geschlossenheit verleihen, die seinen ursprünglichen Absichten entsprach.
Das vierte „Kapitel“ der Dan-Swanö-Reissue-Reihe stellt das zweite Bandalbum – sein liebstes von dieser Band – klanglich aktualisiert und erweitert zur Diskussion. Auf Unorthodox setzten die Schweden 1992 früher als die meisten Death-Metal-Acts auf Atmosphäre zugunsten durchgängiger Brutalität, was die Platte auch heute noch sehr modern wirken lässt. Trotzdem ziehen Keyboards, Cello und strukturelle Komplexität der Band nicht die Zähne, sondern machen die Songs dynamischer und somit auch intensiver, wozu man nur den ersten (der eröffnende Longtrack ‚Enigma‘, ein progressives Miniepos) und letzten Track (die Todesblei-„Ballade“ ‚When All Is Said‘) als Beispiele anführen muss. Die Neuauflage enthält drei zusätzliche Stücke aus den Aufnahmesessions, die ebenso gut auf dem Album hätten stehen können, und wie schon bei den vorigen Neuauflagen zeigt sich im Vergleich von Remix (CD1) und Remaster (CD2) mit dem Original nicht nur die Güte des Ausgangsmaterials, sondern auch Swanös Feingefühl beim Herausarbeiten von Details, ohne etwas zu verfälschen.
Das neue Remaster greift den Charakter von ‚Enigma‘ auf und nutzt ihn als tonale Leitlinie für die restlichen Stücke, wodurch die Mischung aus roher Energie, melodischer Raffinesse und atmosphärischer Dichte homogener wirkt. Der parallel entstandene Remix folgt einem zurückhaltenderen Ansatz: Er soll dem Original so treu wie möglich bleiben, lediglich klarer, strukturierter und mit stärkerem Fundament im Bassbereich. Dass ‚Everlasting‘ nun denselben Gitarrensound wie die übrigen Songs trägt, bildet die einzige bewusste Abweichung. Ansonsten lässt sich der Remix kaum als solcher identifizieren – was genau den Effekt erfüllt, den Swanö beabsichtigte.
Ein Teil der Masterbänder blieb trotz intensiver Suche im Black-Mark-Archiv unauffindbar, weshalb einige Titel nicht neu abgemischt werden konnten. Dafür enthält die Edition nun die frühe 1991er Version von ‚Human Aberration‘. Ergänzt wird das Ganze durch eine sorgfältig restaurierte visuelle Präsentation: Megancks Coverentwürfe wurden anhand der Originale digitalisiert, die Gestaltung der Erstpressung detailgetreu rekonstruiert und durch seltene Archivfotos ergänzt.
FAZIT: Musikalisch zeigt "Unorthodox" eindrucksvoll, wie weit Edge of Sanity ihrer Zeit voraus waren. Während sich ein Großteil der damaligen Szene auf maximale Härte konzentrierte, kombinierte die Band Aggression mit Atmosphäre, verzahnte melodische Führung mit unkonventionellen Strukturen und schuf damit einen Klang, der sich bis heute kaum einordnen lässt. ‚Enigma‘ beispielsweise wirkt im klanglich erneuerten Gewand noch vielschichtiger und zeigt die Band in voller Spannbreite zwischen eruptiver Brutalität und beinahe zerbrechlichen Passagen. Die übrigen Stücke demonstrieren eine bemerkenswerte stilistische Offenheit, ohne die finstere Grundstimmung zu verlieren, und das erwähnte Finale ‚When All Is Said‘ entfaltet in seiner entschleunigten, hymnischen Intensität mehr Ausdruckskraft als je zuvor.
Am Ende steht eine Edition, mit der Swanö das Album so präsentieren kann, wie er es ursprünglich beabsichtigte. Die Mischung aus klanglicher Präzision, akkurater visueller Restaurierung und sorgfältig kuratiertem Bonusmaterial macht dieses Re-Release zur ultimativen Version eines frühen "Prog"-Death-Werkes.
Punkte: 13/15Erschienen auf www.musikreviews.de am 02.12.2025
Anders Lindberg
Dan Swanö, Andreas Axelsson, Sami Nerberg
Andreas Axelsson, Sami Nerberg
Dan Swanö
Benny Larsson
Century Media / Sony
60:50 + 48:02
05.12.2025