Ob es eine wirklich kluge Entscheidung der schwedischen Progressive-Rock-Band EXIT STAGE LEFT war, sich aus Hochachtung für ihre Vorbilder RUSH nach deren zweitem Album aus dem Jahr 1981 zu benennen, sei dahingestellt. Außerdem weckt es natürlich bei den Prog-Insidern offensichtliche Erwartungen, denen die Schweden nicht wirklich entsprechen können.
Dabei spricht sehr viel für „Gentle Otherworld“: über 80 Minuten Laufzeit, eine komplexe Geschichte, komplett im 20-seitigen Text-Booklet – in einer leider sehr schwer lesbaren Schriftart – niedergeschrieben und recht abwechslungsreiche Kompositionen.
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Nur kommt schon kurz nach dem Durchstarten in Richtung der 'Sanften Anderswelt' Verwunderung auf, da die Schweden nicht wirklich nach der kanadischen Band klingen, auf die ihr Bandname verweist. Da kommt die gewählte Album-Thematik den guten RUSH schon näher, denn schließlich geht es um die Sehnsucht nach einer besseren Welt, die sich bis in kosmische Dimensionen erstreckt und die Flucht der Menschen in ein neues Utopia offeriert, wobei sogar Weltraumhochzeiten gefeiert werden.
Die 2019 im schwedischen Borås gegründeten EXIT STAGE LEFT orientieren sich in ihrer Musik deutlich am 70er/80er-anglo-amerikanischen Prog, mit starker Tendenz zu GENESIS oder MARILLION und weniger starker hin zu ihren Namen-Inspiratoren.
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In den härter rockenden Passagen werden sogar ein paar DEEP PURPLE-Erinnerungen („The Rise And Fall Of Dionysus Alpha“) wach, während man sich in den vielen melodischen Momenten deutlich an STYX erinnert fühlt. Oder um im Heimatlande von EXIT STAGE LEFT zu bleiben, ist deren Versuch zu erkennen, sich neben den FLOWER KINGS oder KAIPA einzureihen, selbst wenn sie noch einen Prog-Treppenabsatz davor stehen.
Das Album entwickelt außerdem eine melodramatische filmische Atmosphäre – hier liegen die besonderen Stärken. Insgesamt aber klingt es zwar gut, jedoch nicht wirklich eigenständig. Eher etwas austauschbar, auch weil bei den sehr umfangreichen Gesangspassagen Sänger Wilhelmsson zwar mit einer durchaus guten Stimme aufwartet, der auf die Dauer allerdings der Reiz verloren geht, weswegen es bei so langen Alben besser wäre, durch den Äther noch ein paar zusätzliche Stimmen in Richtung aller sanften Anderswelten zu senden.
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Melodischer Prog und Retro- sowie Neo-Prog, sogar ein paar Folk-Anleihen und verträumt-akustische Gitarrenpassagen, die ihre besten wie abwechslungsreichsten Momente in dem Zehnminuter „The Rise And Fall Of Dionysus Alpha“ erreichen oder so einige klar erkennbare Hinweise auf ihre musikalischen Impressarios, wenn der „Nighttime Florist“ vielleicht tatsächlich als echter Blumenexperte auf die schwedischen Könige in dieser Branche verweist, sind sicher beabsichtigt, sodass alle Freunde eingängigen, epischen wie filmischen Progressive Rocks mit EXIT STAGE LEFT tatsächlich auf ihre Kosten kommen – und diese wirklich so lang auskosten können, wie dies auf einer CD gerade noch mit gut 80 Minuten möglich ist.
Viele andere Bands hätten da wohl schon auf einen zweiten Silberling zurückgegriffen. „Gentle Otherworld“ ist so zwar etwas zu lang geraten, besitzt aber trotzdem viele richtig starke Momente, die leider in der langen Zeitspanne mitunter etwas untergehen.
Dafür aber sorgt „Gentle Otherworld“ am Stück für sehr lange Unterhaltung.
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FAZIT: Selbst wenn sich nach eigenen Bekundungen die schwedischen Progrocker EXIT STAGE LEFT bei ihrem Bandnamen von den großen Vorbildern RUSH inspirieren ließen, ist ihr planetares Utopia-Konzept-Album „Gentle Otherworld“ auf der Suche nach einer 'sanfteren Anderswelt' und der Flucht vor der auf dem letzten Loch pfeifenden Erde keinesfalls eine tiefe Verbeugung vor RUSH, sondern vielmehr ein Brückenschlag zu MARILLION und ihren schwedischen Landsleuten FLOWER KINGS und KAIPA. Über 80 Minuten Laufzeit sind diesbezüglich zugleich sehr bewundernswert, weisen aber leider einige Längen auf, selbst wenn neben besagten Prog-Größen sogar überraschend in den härter rockenden Ausnahmemomenten offensichtlich DEEP PURPLE beim Aufstieg und Untergang von Dionysus Alpha gehuldigt wird.
Punkte: 11/15Erschienen auf www.musikreviews.de am 07.10.2026
Robin Hellsing
Arvid Wilhelmsson, Freddy Lindström
Arvid Wilhelmsson
Daniel Lygsa Larsson
Jimmy Svahn
Alice Chorsell (Geige)
XPRNC Sweden AB/Just For Kicks
80:06
18.09.2026