Wem das Cover-Motiv des dritten Albums „The Lying Swans“ der brasilianisch/deutschen Wahlberlinerin GLORIA DE OLIVEIRA auf den ersten Blick suspekt erscheinen mag, dem sei gesagt, dass das alles seine Richtigkeit hat. Das Bildnis (das die Künstlerin als Nixe zeigt, die einem See entsteigt, auf dem im Hintergrund schwarze Schwäne ihr Unwesen treiben) wurde deswegen in der Art eines schlecht ausgeführten Kinderbuch- oder Groschenheft-Covers angelegt, weil es auf dem Album um Themen wie Fabeln, Legenden, Sagen, Märchen, Mystik und Mythologie geht – alles Sachen also, die sich mit den Mitteln der Fotografie (oder heutzutage der AI) gar nicht hätten adäquat repräsentieren lassen bzw. an der Realität gescheitert wären.
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GLORIA DE OLIVEIRAs Anspruch als Künstlerin war darüber hinaus, die unwirkliche, märchenhafte Stimmung des Albums nicht nur visuell (also über das Artwork und die Videos) sondern auch musikalisch einzufangen und widerzuspiegeln. Das machte sie, indem sie sich auf eine organische Vorgehensweisen konzentrierte, während sie bislang eher elektronisch agiert hatte – sich dabei aber einen „digitalen Burnout“ eingefangen hatte. Es ging ihr allerdings nicht darum, die elektronische Produktionsweise zu verteufeln, sondern darauf zu setzen, wieder einmal „ein Stück Holz anfassen zu können, das dann Töne erzeugte.“
Aus diesem Grunde versicherte sie sich der Zusammenarbeit einer ganzen Schar von Musikern - darunter vor allem ihr musikalischer Partner LENNARD ZANDER, Schlagzeuger MATT CHAMBERLAIN und ÚLFUR HANSSON – ein isländischer Songwriter, der unter anderem eigene Instrumente (wie zum Beispiel die Segulharpa) entwickelt und baut. Hinzu kommt, dass das Album in New York, Berlin und auf Island (unter anderem im Swimming-Pool-Studio von SIGUR RÓS) eingespielt wurde – wobei sich GLORIA die Produktions- und Tontechnik-Arbeit mit dem Produzent RANDALL DUNN teilte, dem vermutlich dafür zu danken ist, dass das Projekt trotz seiner Vielschichtigkeit klanglich nicht auseinanderfällt.
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Teilweise basiert „The Lying Swans“ auf einem Projekt, das sie bereits 2023 als Commissioned Work beim Berliner Pop-Kultur-Festival realisierte, auf dem es bereits damals darum ging, die Mythologie und Sagenwelt von Meeresbewohnerinnen aus feministischer Sicht zu revidieren. Im Prinzip setzt de Oliveira dieses Thema nun auf ihrem Album fort – ergänzt um Bilder aus der Fabel- und Märchenwelt, der Historie und der Mystik und natürlich die Poesie, die alles zusammenführt und miteinander verbindet. Die Geschichten um Schwäne, Meerjungfrauen, Dornenvögel und Kraniche werden so zu einem bunten Potpourri verdichtet, das – auch musikalisch – eher als Gesamtkunstwerk denn als Sammlung einzelner Songs wirkt.
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Wie wurde das nun musikalisch umgesetzt?
Nun: GLORIA DE OLIVEIRA ist keine Freundin bestimmter Genres oder Stile und geht ihre Musik eher nach holistischen Prinzipien an, bei denen nicht die einzelnen Details (beispielsweise die Instrumentierung und die Arrangements) im Zentrum stehen, sondern das Gesamtergebnis – auch in emotionaler Hinsicht, weswegen man die Songs des Albums keiner bestimmten Richtung zuordnen kann. Nur einige Tracks – wie z.B. die Single „Fading Faces“, die als melancholische Dreampop-Nummer erscheint oder „Sacred Heart“ (das Darkwave und Indie-Rock-Elemente beinhaltet) können als konventionelle Songs bezeichnet werden.
Andere legt GLORIA DE OLIVEIRA als Rezitative („Wounded Birds“), Ambient-Drones („Shadows In The Fog“), musikalische Mantren („The Voyager“) oder Soundtrack-Epen („Cranes In Flight“) an und zehrt dabei durchaus von ihren Erfahrungen als klassisch ausgebildete Opern-Sängerin, Filmkomponistin und visuelle Künstlerin, sodass sie sich auch als Schauspielerin und Produzentin ihrer Videos verantwortlich zeichnet.
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Noch ein kleiner Hinweis: Der Titel des Albums „The Lying Swans“ möchte gerne doppeldeutig verstanden werden. „The Lying Swans“ könnte ja sowohl „liegende“, wie auch „lügende Schwäne“ heißen – denn (so sagt es GLORIA DE OLIVEIRA) – Schwäne sind zwar schön und stark – haben aber auch eine dunkle Seite. Auch spirituelle Aspekte gibt es hierbei zu beachten, denn in der Mythologie gibt es sogar Gottheiten aus der Schwanenwelt, was dieses Album musikalisch zu vermitteln versucht, weswegen die Songs weder dezidiert Moll- oder Dur-lastig angelegt sind, sondern sich in einem vielschichtigen, aber nicht klar definierten, tonalen, stimmungsmäßigen und spirituellen Zwischenbereich bewegen; ganz so wie das Leben selbst.
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FAZIT: Als eine bloße Songsammlung funktioniert „The Lying Swans“ nicht wirklich. Wer indes bereit ist, sich auf den Flow des Albums einzulassen und das ganze Projekt – etwa wie ein Hörspiel – betrachtet und genießt, der dürfte nicht umhinkommen, zu attestieren, dass GLORIA DE OLIVEIRA mit diesem Album ein ebenso außergewöhnliches wie zeitloses musikalisches Kunstwerk gelungen ist.
Punkte: 13/15Erschienen auf www.musikreviews.de am 07.11.2026
Arian Miranda
Gloria de Oliveira
Lennard Zander, Úlfur Hansson
Gloria de Oliveira, Úlfur Hansson
Matt Chamberlain
La Double Vie
45:05
30.10.2026