Im Jazz schlägt wohl im Jahr 2026 die Zeit der Kontrabassisten.
Gerade erst erschien mit <a href="http://www.musikreviews.de/reviews/2026/Makar-Novikov/Long-Journey/" target="_blank" rel="nofollow">„Long Journey“</a> eine spannende Doppel-LP des in Berlin lebenden russischen Kontrabassisten MAKAR NOVIKOV, schon zieht der weltbekannte und vielfach ausgezeichnete französische Kontrabassist, Multiinstrumentalist, Sänger, Orchesterleiter und Komponist HENRI TEXIER mit „Healing Songs“ nach.
Das namhafte Texier-Quintett bedient sich hierbei vordergründig am in den 1950er-Jahren entwickelten Hardbop, den es mit klanglicher Perfektion mitten hinein in die Moderne überträgt. So sind die Wurzeln klar, was aus diesen bei HENI TEXIER erwächst, allerdings nicht. Auch weil einen der Album-Titel „Healing Songs“ völlig in die Irre führt.
Songs? Gesang? Texte?
Die sucht man auf den heilbringenden Liedern vergebens.
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Denn hier spielt der Jazz die erste Geige, auch wenn an deren Stelle die Blasinstrumente treten. Jazz zwischen traditionellen und improvisatorisch verspielten Ideen. Wechselnde Stimmungen, die beim Hören wechselhafte Gefühle hervorrufen, die mal himmelhochjauchzend genauso wie zutodebetrübt klingen. Und die allesamt auf längst in der Versenkung verschwundenen Songs beruhen.
Wohl aus diesem Grunde wählten der französische Jazz-Meister und seine hochgradig jazzstar-besetzte Kapelle für „Healing Songs“ einen Haufen völlig zu Unrecht vergessener Stücke aus, um diese in den Hard-Bop-Kontext trexierscher Machart zu übersetzen. Hierbei kam eine wirklich spannende Mischung vom Jazzstandard bis zum Modern Jazz heraus, bei dem nicht nur der Bass, sondern auch die beteiligten Instrumente vom Piano über das Schlagzeug plus der Percussion des begnadeten Manu Katché sowie die Trompete abwechselnd die Führungsrolle übernehmen. Das alles natürlich mit echt heilsamer Wirkung.
So könnte das Schlagzeug-Solo auf „Chebika Courage“ auch im Rock-Kontext bestehen oder sich das Meharis-Trompetenspiel auf „Leila“ in einem Album von MILES DAVIS verdammt wohlfühlen. Oftmals schleichen sich auch Klezmer-Einflüsse oder Samba-Melodien („Samba Loca“) sowie düstere Harmonien, die einem schaurigen Film als Stimmungsanheizer dienen könnten („Quant Tout S'arrete“), auf „Healing Songs“ ein.
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FAZIT: Am Ende ist HENRI TEXIER auch mit „Healing Songs“ ein weiteres Jazz-Album voller Tiefe, Hard-Bop und in diesem Falle gar heilsamer Wirkung gelungen, wenn man seine Ohren endlich mal wieder vom unerträglichen Radio-Mainstream gesäubert haben möchte. Den völlig gesangfreien „Healing Songs“ darf man jederzeit gerne beide offenen und schmalzfreien Ohren widmen. Es lohnt sich.
Punkte: 13/15Erschienen auf www.musikreviews.de am 07.02.2026
Henri Texier
Emmanuel Borghi
Gautier Garriue, Manu Katche
Sébastien Texier (Saxophone, Klarinetten), Hermon Mehari (Trompete)
Label Bleu
41:12
23.01.2026