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Kevin Morby: Little Wide Open

Stil: Folkrock, Americana, Singer-Songwriter-Pop, Folk, Indie-Rock

Cover: Kevin Morby: Little Wide Open

Ehre, wem Ehre gebührt. KEVIN MORBY hat schon so einige Vergleiche mit nordamerikanischen Classic-Rock-Ikonen "erdulden" müssen - obwohl sie ja eigentlich immer ehrenvoll waren und ihn daher nicht geärgert haben dürften. Als da wären: Bob Dylan und Lou Reed vor allem, aber auch Leonard Cohen, Neil Young und Bruce Springsteen (dem er jetzt mit dem Albumopener-Titel "Badlands" seine Reverenz erweist), von den etwas jüngeren Singer-Songwritern Bill Callahan, Jeff Tweedy (Wilco) oder Adam Granduciel (The War On Drugs).
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Mit der neuen Platte kommt nun ein weiterer Klassiker hinzu: "Little Wide Open" ist eine tiefe Verbeugung vor dem Heartland-Rock des großen Tom Petty (der, Ältere erinnern sich, 1991 mit "Into The Great Wide Open" einen seiner größten Erfolge feierte - KEVIN MORBYs Albumtitel dürfte daher kein Zufall sein). Allerdings dockt der 38-Jährige aus Kansas City/Missouri hier eher bei Pettys wohl stärkstem Album "Wildflowers" von 1994 an - und ein höheres Lob kann man kaum verteilen. 

Petty wurde damals vom legendären Producer Rick Rubin zur Bestleistung angetrieben, bei MORBY ist es nun der momentan änlich gefragte Studiotüftler Aaron Dessner (The National). Während dessen Arbeit für Taylor Swift, Ed Sheeran, Noah Kahan oder Gracie Abrams oft zu einer kalkulierten, manchmal gar kalt klingenden Sound-Glätte führt, die nicht jedermanns Sache ist, beweist er bei KEVIN MORBY und "Little Wide Open" ein goldenes Händchen für prachtvolle, teilweise gar ins opulente Cinesmascope-Format ausgreifende Americana.
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Die Bekanntschaft der beiden Musiker liegt schon ein paar Jahre zurück, erstmal passierte nicht viel. MORBY sollte dann 2024 den Support für The National in London geben, daraus ergab sich ein Angebot des Produzenten zur Zusammenarbeit - "the thing that I’d been waiting for to happen". Die günstige Konstellation ist bei "Little Wide Open" ist vor allem produktionstechnisch herauszuhören - aber zum Glück eben gerade nicht mit einer Mainstream-Pop-Politur, für die Dessner berühmt, aber auch umstritten ist. Sondern in einer vom Producer angeordneten Reduktion. "I think Aaron sort of made it his mission to kind of pull me back from myself a little bit and let my songs speak for themselves a little bit more", so MORBY.
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Wie toll es klingt, wenn ein für luftige Sounds aufgeschlossener Produzent einem potenziell überambitionierten, zur Opulenz tendierenden Songwriter in die Parade fährt, lässt sich schon in den drei ersten Liedern dieses mit fast einer Stunde zwar überlangen, aber nie langweiligen Albums bewundern. Der bereits erwähnte Opener "Badlands", die herzzerreißend schöne Ballade "Die Young" und der treibende Folkrocker "Javelin" sind die perfekte Eintrittskarte ins zweite Opus magnum von KEVIN MORBY nach dem meisterlichen "Singing Saw" (2016).
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Da mit "All Sinners", "Natural Disaster" und dem Gitarrenvirtuosen-Track "100.000" auf der zweiten von vier Vinylseiten des Doppelalbums weitere Highlights vertreten sind, könnte "Little Wide Open" insgesamt ein wenig frontlastig wirken. Das ist aber tatsächlich Kritik auf hohem Niveau. Denn auch die sieben überwiegend folkigen, wieder mehr in Dylan-Nähe angesiedelten Songs der zweiten Hälfte sind aller Ehren wert, wenn auch weniger spektakulär.
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Das Album ist der dritte Teil einer Trilogie, die mit "Sundowner" (2020) und "This Is A Photograph" (2022) begann - mithin Alben, die die Zeit von KEVIN MORBY im Mittleren Westen der USA, in den sogenannten erzkonservativen Fly-Over-States, spiegelten, als er nach Kansas City zurückgekehrt war. Die neuen Songs tragen vielsagende Titel wie "Badlands", "Cowtown" und "Bible Belt", sie spielen "vor einem Panorama aus verschlungenen Highways, Kleinstädten, Straßenkreuzungen, Rock’n’Roll-Romantik, Schmetterlingen im Bauch, dem Leben als amerikanischer Entertainer, Econoline-Vans und vielem mehr", so wird MORBY von seinem Label zitiert. "Es ist ohne Zweifel mein persönlichstes und verletzlichstes Werk." Sein schönstes wohl auch.
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FAZIT: "Little Wide Open" ist eine Platte, die den herausragenden Status von KEVIN MORBY in der Americana- und Indie-Rock-Szene der USA zementiert. Auf dem Album sind zahlreiche prominente Mitwirkende zu hören, darunter der Produzent und Multiinstrumentalist Aaron Dessner, Amelia Meath (Sylvan Esso), Justin Vernon (Bon Iver), Lucinda Williams, Meg Duffy (Hand Habits) und Andrew Barr (The Barr Brothers). Das Ergebnis ist eine triumphale Platte, die stärkste von MORBY seit "Singing Saw", und ein auch textlich ambitioniertes, kritisches Porträt des ländlichen, dem Trumpismus zuneigenden Amerikas.

Punkte: 13/15

Erschienen auf www.musikreviews.de am 23.05.2026

Tracklist

  1. Badlands
  2. Die Young
  3. Javelin
  4. All Sinners
  5. Natural Disaster
  6. 100.000
  7. Little Wide Open
  8. Cowtown
  9. Bible Belt
  10. I Ride Passenger
  11. Junebug
  12. Dandelion
  13. Field Guide For The Butterflies

Besetzung

  • Bass

    Aaron Dessner, Meg Dufy

  • Gesang

    Kevin Morby, Justin Vernon, Lucinda Williams, Amelia Meath

  • Gitarre

    Kevin Morby, Meg Duffy, Justin Vernon, Colin Croom

  • Keys

    Aaron Dessner

  • Schlagzeug

    Andrew Barr, Tim Carr

  • Sonstiges

    Kevin Morby (Banjo), Aaron Dessner (Banjo, Mandoline), Mat Davidson (Geige, Fiddle), Rachel Baiman (Geige), Benjamin Lanz (Horns), Stuart Bogie (Klarinette), Tom Moth (Harfe), Oliver Hill (Strings)

Sonstiges

  • Label

    Dead Oceans

  • Spieldauer

    59:23

  • Erscheinungsdatum

    15.05.2026

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