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Reviews

Makar Novikov: Long Journey

Stil: Contemporary- und Modern-Jazz

Cover: Makar Novikov: Long Journey

So, meine lieben Gutwetter-Freunde und scheinheilig dem Krieg so aufgeschlossenen, moralinsauren, alles über eine Kamm scherenden Moralapostel! Es gibt sie wirklich. Ob ihr es glauben wollt oder nicht. Die echt guten Russen. Sogar sehr viele von ihnen. Einer davon ist der bekannte russische Kontrabassist MAKAR NOVIKOV, mit dem wir uns auf eine lange, ausgiebige (Musik-)Reise begeben (die er im Inneren des Doppel-LP-Gatefoldcovers als seine Lebensreise bezeichnet), deren Grundlage auf dem Jazz basiert.
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MAKAR NAVIKOV ist tatsächlich ein unmittelbar von den Kriegswirren betroffener Zeitgenosse, der während des Kriegsausbruchs im Jahr 2022 mit nur einem Koffer ausgestattet auf Tour in Italien strandete und dort die schwere Entscheidung traf, seinem Land (vorerst) den Rücken zuzukehren. Vielleicht sollten wir viel stärker auch solche Menschen statt aller Schwarz-Weiß-Malerei in unser Blickfeld rücken. In unser Hörfeld gehört Novikov, der Mann mit dem Kontrabass unterm Arm, auf jeden Fall!

Auch der Labelname 'Rainy Days Records' verrät uns, für welche Gefühlswelt oder Tage dieses Album gedacht ist. Natürlich enthält es auch so einige sonnige Momente, aber der Grundtenor bewegt sich zwischen einem leichten Landregen bis hin zum stürmischen Gewitter. Jazz-Harmonien, beschwingt und entspannt, treffen auf freie Jazz-Improvisationen, die nicht nur dem Kontrabassisten, sondern auch seinen großartigen Mitstreitern an Klavier, Schlagzeug und Blasinstrumenten viele Freiräume freischaufeln. Noch dazu im besten Stereo-Sound sowie klar abgestimmten Höhen und Bässen aufgenommen.
Ob einem allerdings die Stimme von Pianistin Trummer auf dem Titeltrack gefällt, sei einmal dahingestellt. Sie wirkt im Falle dieses Albums einfach im Rahmen der Gesamtstimmung nicht wirklich passend.
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Wenn jedenfalls das kürzeste Stück auf der Doppel-LP zugleich auch noch das Titelstück, das übersetzt 'Lange reise' heißt, ist, wirkt das entweder befremdlich – oder macht besonders neugierig. Nun ja, beim Kritiker wird (und so sollte es immer sein) die Neugier geweckt, auch wenn der erste Hördurchgang zu dieser bassgeprägten Reise noch gar nicht begonnen hat. Also starten wir ordentlich durch. In diesem Falle mit der Sicherheit, uns gleich im Vorfeld auf den reichlich verspielt wirkenden Rettungsausgang „Emergency Exit“ verlassen zu können, der dann irgendwann und irgendwo doch im „Free Fall“ mitten hinein in die „Jazzmashin“ endet.
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Zwischen beschwingt („Free Fall“) und traurig („Tears Of Joy“) durchreist der Hörer gemeinsam mit Novikov und dem ihn begleitenden Quartett ein Wechselbad der Jazz-Gefühle, das sich im akustischen Umfeld vom Contemporary bis Modern Jazz, der mitunter sogar tanzbar ist, abspielt, ausschließlich auf ein akustisches Instrumentarium setzt und dabei auf jede Form elektronischer Spielereien verzichtet.
Novikov favorisiert das Traditionelle und weniger das Experimentelle – trotz seiner nicht wirklich glücklichen russischen Vorgeschichte, die ihn bisher seinem Land den Rücken zukehren ließ. Optimistische Klänge statt übertrieben düsteren Pessimismus. So schwingt auf „Long Journey“ oft ein hoffnungsvoller Ton in Richtung Horizont mit, statt sich in trauernden und dunklen Tiefen zu vergraben.

Der Mann aus Russland mit seinem Kontrabass, der im Februar 2022 beschloss, aus Russland nach Berlin auszuwandern, klingt nach der Hoffnung, dass Musik – auch Jazz-Musik – verbindet. Vorausgesetzt, sie klingt so abwechslungsreich wie das Leben und die Lebensreise auf „Long Journey“.
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FAZIT: Mit seinem Kontrabass unterm Arm und roten Strümpfen an den Füßen begegnet uns MAKAR NOVIKOV, einer der bekanntesten russischen Jazz-Bassisten, auf dem Cover seiner Debüt-Doppel-LP. Nachdem er in den Kriegswirren des Jahres 2022 nach Berlin auswanderte, fasste er schnell in der internationalen Jazz-Szene wieder Fuß und kann auf „Long Journey“ (seine eigene Lebensreise, wie er im umfangreichen Begleittext im Inneren der Doppel-LP feststellt) ein verspieltes Album des Modern Jazz veröffentlichen, auf dem ihn namhafte internationale Jazz-Musiker unterstützen und so zu einem größtenteils optimistisch und harmonisch klingendem Album verhelfen, das für einen Musik-Moment erst einmal alle Kriegswirren vergessen lässt. Schade, dass die Musik nicht die Macht besitzt wie die Waffen, mit denen man Tag für Tag nun schon seit vier Jahren Leben zerstört. Make music – not war!

Punkte: 11/15

Erschienen auf www.musikreviews.de am 04.02.2026

Tracklist

  1. <b>Seite A</b> (13:57):
  2. Emergency Exit (7:01)
  3. Desert Island (6:56)
  4. <b>Seite B</b> (13:43):
  5. Jazzmashin (8:19)
  6. Long Journey (5:24)
  7. <b>Seite C</b> (15:32):
  8. Free Fall (7:33)
  9. Tears Of Joy (7:59)
  10. <b>Seite D</b> (14:24):
  11. Home Party (8:17)
  12. Birthday Cake (6:07)

Besetzung

  • Bass

    Makar Novikov

  • Gesang

    Olivia Trummer

  • Keys

    Olivia Trummer

  • Schlagzeug

    Donald Edwards

  • Sonstiges

    Gianni Gagliardi (Tenorsaxophon), Alex Sipiagin (Trompete, Flügelhorn)

Sonstiges

  • Label

    Rainy Days Records

  • Spieldauer

    57:36

  • Erscheinungsdatum

    09.01.2026

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