PATRICK WOLF stilisiert sich auf dem Frontcover von „Crying The Neck“ als 'Fänger im Roggen' und schreibt über das Potenzial zur Veränderung, welches Trauer und Traurigkeit innewohnt. Wird auch der Zusammenhang von optischer Darstellung und Inhalt der Musik nicht so ganz klar, so lässt sich der Avantgarde-Ansatz in der Musik des Briten doch recht deutlich nachvollziehen.
Vom folkloristisch angehauchten Opener „Reculver“, über das mystisch angehauchte „Dies Irae“, bis hin zum tragikschwangeren Dunkel-Folk von „Hymn Of The Haar“ wirkt „Crying The Neck“ bombastisch inszeniert, groß gedacht.
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Gleichzeitig greift PATRICK WOLF meist zu minimalistischen Mitteln. Da reicht gerne ein Streichinstrument, ein verhaltener Rhythmus und die bedachte Stimme des Sängers um der Musik einen maximalen Effekt zu verleihen.
Da es in den Songs aber um Veränderung geht, wohnt allen Stücken auch ein unstetes Element inne. Etwa wenn sich dunkle Streicher wie Wogen durch die Songs bewegen (z.B. in „Foreland“), während PATRICK WOLFs Stimme beinahe theaterhaft agiert und dabei vielfältige Emotionen auf eine imaginäre, weiße Leinwand wirft. Was das Ergebnis beim Hörer auslöst, ist völlig ihm überlassen.
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In gewisser Weise ist die sepiafarbene Optik von „Crying The Neck“ auch Programm in der Musik. Denn alle Stücke wirken wie Elemente eines Herbstsoundtracks. Vom entspannten Hintergrundrauschen für einen einsamen Spaziergang („The Curfew Bell“) über die Sonnenaufgangsstimmung von „Dies Irae“ bis hin zur (bisweilen zynisch anmutenden) Fröhlichkeit von „Better Or Worse“ grast PATRICK WOLF die emotionale Collage des Menschen ab, der sich in der zweiten Jahreshälfte zunehmend in sich selbst verkriecht.
Der Winter ist aber noch nicht da, daher darf das Farbenspiel der Natur immer noch Einzug in die Musik finden, wenngleich eine gewisse Grundstimmung Anflüge von intimem Verdruss erzeugt. Dazu passt zugleich, dass die Musik im letzten Viertel des Albums zunehmend introvertierter klingt.
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FAZIT: PATRICK WOLFs „Crying The Neck“ ist zwar kein Album zum Heulen, aber eine gewisse intime Traurigkeit, oder wenigstens Melancholie, schwingt in fast allen Stücken auf die eine oder andere Art mit. Gleichzeitig birgt der folkloristische Ansatz der Musik einen gewissen Stolz, der die Anflüge von Tränen trocknen kann und vielleicht auch als Hilfe zur Akzeptanz dient.
Punkte: 11/15Erschienen auf www.musikreviews.de am 05.03.2026
Brendan Cox, Patrick Wolf
Patrick Wolf, Zola Jesus, Serafina Steer, Job Apps
Brendan Cox, Patrick Wolf
Patrick Wolf
Seb Rochford
Patrick Wolf (Bratsche, Vibraphone, Mountain Dulcimer, Synthesizer, Moog Opus 3, Irish Bouzouki, Banjolele, Samples, Programmierung, Empathy Generator, Field Recordings), Serafina Steer (Konzert-Harfe), Engines Orchestra (Streichinstrumente), Aleister Crowley (Ausschnitte aus „The Great Beast Speaks“), The Bedford Ringers (Handglocken)
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13.06.2025