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The Imperial Mustard: Turn The Stone

Stil: Kraut, Indie, Psych, Space, Liebe

Cover: The Imperial Mustard: Turn The Stone

<b>„'Turn The Stone' ist kein Album, es ist eine Einladung zur kollektiven Bewusstseinserweiterung.“</b> (The Imperial Mustard über „Turn The Stone“)

Man muss schon kaiserlicher Senfgenießer sein, um bewusstseinserweiternd – ein Bewusstsein, das auf kunterbunte Kräuterchen, psychedelische Eruptionen, viel 70er-Jahre voller 'Make Love No War'-Attitüde und abgehobene, frei improvisierte Spacerock-Ausflüge mit Silver- und sonstwelchen Hawkwind-Maschinen sowie eine in NICO-Spuren wandelnde Sängerin setzt – mit offenen Ohren entgegenzutreten können. Denn das alles gibt's auch ohne dazugehörige Wurst mit Sauerkraut bei THE IMPERIAL MUSTARD zu genießen, dafür aber sind die Frankfurter immer dem weißen Karnickel auf der Spur!
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Noch dazu wird’s auf „Turn The Stone“ doch echt ernst.
Denn wenn man die Steine im übertragenen Sinne umdreht, also nach dem Verborgenen oder/und bewusst Verheimlichten sucht, kommen oft überraschende (schlimme) Dinge zutage.
Genau die vertonen THE IMPERIAL MUSTARD. Bestreichen sie mit ihrem kaiserlichen Senf, damit die Ohren nicht etwa auf die Idee kommen, sich mit neumodischen Musik-Schmalz verstopfen zu lassen. Denn der Senf aus Frankfurt ist mehr als scharf und schon viele, viele Jahre alt und dabei ähnlich gut gereift wie der Whiskey in seinen edlen Holzfässern.
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„Turn The Stone“ ist jedenfalls der weit über eine Stunde andauernde totale Trip tief hinein in die drogengeschwängerte Musik-Vergangenheit, die, um es mit den eigenen Worten des Psyche-Indie-Kraut-Quintetts aus Frankfurt auszudrücken, uns in den verhallenden Kosmos der unendlichen (oft auch durch Drogen herbeigeführten) Bewusstseinserweiterung entführt: „Was passiert, wenn fünf Seelen zwischen Realität und Hallraum aufeinandertreffen, die VELVET UNDERGROUND lieben, CAPTAIN BEEFHEART verstanden haben, zu CAN tanzen wie DEVO hysterisch werden und sich bei NEIL YOUNG verlaufen? Genau: THE IMPERIAL MUSTARD drehen den Stein um.“

Und dann gibt’s da auf der CD noch die eindeutige Aussage: Alle Stücke sind improvisiert, wurden nicht nachbearbeitet.
Also – tatsächlich ist „Turn The Stone“ das psychedelische Feuerwerk mit Musik-Raketen aus den 60er- und 70er-Jahren geworden, die einem den VELVET UNDERGROUND so weit öffnen, dass man entweder tief in diesen hineinfällt oder mit dessen Hilfe in unendliche Höhen aufsteigt.
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Man kann dabei wütend sein, genau wie auf dem Album-Opener „Black Sunday“ und diesem deswegen gleich noch ein paar versteckte Jazz-Schlagseiten hinzufügen oder auf den Heavy Psyche der Marke „On The Line“ setzen, der sich ebenso wütend mit den verlogenen Medien des ÖRR auseinandersetzt: „Ich will keine Nachrichten mehr sehen, keine Talkshows, am besten gar nichts mehr (Tür zu, Kopf weg).“

Ein feiner Ausbrecher ist zudem „Orient V8“, das einzige Improv-Instrumental, das sich fast 10 Minuten lang mehr und mehr in ständigen Wiederholungen steigert.
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Purer Krautrock, bei dem besonders intensiv der Fuzzbass in den Mittelpunkt gerückt wird, während mit der bedrückenden psychedelischen Ballade „Goodbye“ das Album endet.
Alle Steine sind gewendet, die tiefsten Geheimnisse darunter ans musikalische Licht geholt, ohne sich an diesen auf Kosten Anderer zu laben, sondern ihnen den ureigenen Klang von THE IMPERIAL MUSTARD zu verleihen, der es nicht böse meint, aber tatsächlich ganz tief auch ins Unterbewusstsein seines Hörers kriecht.
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Alles kaum noch vorstellbar in dieser eigenartigen Musikkultur der Gegenwart, in der nicht Können oder improvisatorisches Geschick, sondern Klicks darüber entscheiden, welche musikalischen Scheißekübel über unseren Köpfen und Ohren ausgeschüttet werden, weil man längst verlernt hat, 'die Steine umzudrehen' und nach etwas mehr zu suchen, als nach einem digitalen Daumen, der nach oben oder unten zeigt.

Der reale Kritikerdaumen zeigt jedenfalls bei „Turn The Stone“ eindeutig nach oben, auch wenn viele der ausgiebigen Improvisationen auf der CD ihrer Länge wegen wohl ausgeblendet werden mussten!
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FAZIT: Herrlich, wenn einem die Band in ihrer Eigenbeschreibung gleich das entsprechende Resümee als Kritiker abnimmt, das tatsächlich zu 100% zutrifft, indem sie im Begleitschreiben zu ihrer CD feststellen: „Mit ihrem zweiten Album 'Turn The Stone' legt das Frankfurter Quintett THE IMPERIAL MUSTARD neun neue Tracks vor – geboren aus freier Improvisation, gewachsen im Moos der Repetition und blühend in flirrendem Delay. Es sind Songs, die nicht geschrieben, sondern gefunden wurden. Aus dem Moment. Aus dem Kollektiv. Aus dem Unterbewussten.“ Besser kann man's wirklich nicht ausdrücken. Ein Trip tief in den VELVET UNDERGROUND, wo die GRATEFUL DEAD liegen, die ihr ewiges Leben wiedergefunden haben und sich mit dem HAWKWIND hoch zu den schönen Dingen der PRETTY THINGS, die über ihre 'SF Sorrows' nachdenken, erheben: „Geh hin, dreh den Stein um – wage es! Sei mutig und tapfer.“

Punkte: 11/15

Erschienen auf www.musikreviews.de am 23.01.2026

Tracklist

  1. Black Sunday
  2. On The Line
  3. Turn The Stone
  4. Hot Smoke
  5. Beautiful Day
  6. Easy
  7. Deep Down
  8. Orient V8
  9. Goodbye

Besetzung

  • Bass

    Carsten Eckermann

  • Gesang

    Suse Michel

  • Gitarre

    Hank Wagner, Gene Deja

  • Schlagzeug

    Stefan Myschor

Sonstiges

  • Label

    SLAGrec

  • Spieldauer

    66:28

  • Erscheinungsdatum

    05.12.2025

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