Die südkoreanische Musikerin YOUN SUN NAH bleibt sich auch auf ihrem neuesten Werk treu, indem sie konsequent nach allem klingt, nur nicht nach geografischen Grenzen. Wer hier fernöstliche Folklore erwartet, liegt falsch, denn wenn man zu „Lost Pieces“ die Augen schließt, findet man sich in einem jener schummrigen, verrauchten Jazz-Clubs wieder, in denen die Zeit zwischen dem letzten Drink und dem ersten Morgengrauen einfach stillzustehen scheint.
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Um diesen Zauber zu entfachen, benötigt YOUN SUN NAH im Grunde nicht viel mehr als ihre Ausnahme-Stimme. Die oft stark reduzierte Instrumentierung – man höre nur das eindringliche „Where‘d You Hide?“ – forciert die intime, beinahe greifbare Atmosphäre zusätzlich. Mühelos gleitet sie dabei durch die Register, wechselt federleicht von samtigen, tiefen Lagen in Kopfstimmen-Ausflüge, ohne dass es jemals nach technischer Selbstdarstellung klingt.
Als ihr bevorzugter Sparringspartner kristallisiert sich der Kontrabass heraus, der von dezenten Besen-Drums umschmeichelt und durch punktuelle, hallgetränkte Gitarren-Einwürfe veredelt wird. Alles atmet, alles hat Platz. Selbst wenn sich feine Streicher-Arrangements in die Szenerie stehlen, dienen auch sie lediglich als edler Rahmen für das Zentrum des Geschehens: den Gesang.
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Im Titeltrack „Lost Pieces“ übernehmen die Streicher fast schon die Alleinherrschaft und erzeugen eine cineastische, beinahe musical-hafte Dramatik. Doch auch hier behält YOUN SUN NAH das Zepter in der Hand und scheint den Instrumenten die Melodielinien förmlich vorzusingen. Nach einem kurzen, glanzvollen Trompetensolo kehrt die Platte mit „A Map Of Pain“ wieder zur verträumten Reduktion zurück. Lediglich „I Ran. I Stay“ bricht kurzzeitig aus dem sanften Korsett aus: Hier ziehen die Drums das Tempo an und setzen den Songtitel, das Spiel aus Bewegung und Stillstand, rhythmisch präzise um.
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FAZIT: Mit „Lost Pieces“ schenkt uns YOUN SUN NAH elf musikalische Perlen, die sich irgendwo im feingliedrigen Bermudadreieck aus Jazz, Folk und Kammer-Pop verlieren. Es ist ein Album der leisen Töne, das die facettenreiche Stimme der Koreanerin als das wertvollste Instrument begreift. In einer Welt, die immer lauter und hektischer wird, ist diese Platte audiophiler Balsam für die Seele.
Punkte: 13/15Erschienen auf www.musikreviews.de am 21.02.2026
Laurent Vernerey
Youn Sun Nah
Matthis Pascaud
Tony Paeleman
Raphaël Chassin
Guillaume Latil (Cello), Arabella Bozic (Viola), Verena Chen (Violine), David Patrois (Marimba, Vibraphone), Alexis Bourguignon (Trompete, Flügelhorn), Christophe Panzani (Tenor saxophone), Robinson Khoury (Posaune)
Warner Music
40:37
20.02.2026