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Achim Reichel: Das Beste – 4-LP-Box (Review)

Artist:

Achim Reichel

Achim Reichel: Das Beste – 4-LP-Box
Album:

Das Beste – 4-LP-Box

Medium: Download/Do-CD/Deluxe/4-LP-Set
Stil:

Rock, Folk, deutscher Liedermacher, Pop, Shanty, Klassische Balladen

Label: BMG
Spieldauer: 154:24
Erschienen: 24.01.2019
Website: [Link]

„Achim Reichel war ein Rebell, ein 68er und ein Aufbegehrender, aber auf seine ganz eigene Art.“

ACHIM REICHEL! Der Mann aus Deutschland ist eine rockmusikalische Urgewalt, die maßgeblich nicht nur die deutsche und internationale Musik-Szene mitgestaltet(e), sondern sie auch prägte und ihr einen Stempel aufdrückte, welcher sie zu etwas Besonderem werden ließ.
Und nun?!
Nun nervt einen mitunter das ständige Gerede von und über den zwei Jahre jüngeren UDO LINDENBERG, wo ein sich sympathisch zurückhaltender und auf sein eigenes Können besinnender Ausnahmemusiker, der viel breitere Musikfelder als die lindenbergschen beackerte, immer wieder seine ideenreiche Musik und nicht sein überstrapaziertes Ego in den Mittelpunkt stellt.
Musikalisch großartig und menschlich extrem sympathisch – das kann man als Kurzbeschreibung für den musikalischen Feingeist, Krautrocker, Literaturkenner, Poeten und Weltreisenden in seine Biographie schreiben.

ACHIM REICHEL ist tatsächlich schon 75 Jahre alt – und wie man es den Vertretern der Rockmusik ja immer wieder nachsagt – ewig jung geblieben und beschenkt sich selbst und seine Fans mit dieser ganz besonderen „Best Of“ seiner besten deutschsprachigen Titel aus 50 Jahren Reichel-Geschichte, wobei eine unbedingte Empfehlung die 4-LP-Box ist, auch wenn‘s „Das Beste“ natürlich als schön gestaltete Doppel-CD im Digipak und als Download zu erstehen gibt.

„Begonnen hat meine Musikgeschichte zu Beginn der sechziger Jahre in Hamburg, St. Pauli. Ich war damals ein präsentabler 17jähriger Jung', der Rock 'n' Roll liebte und des Nachts Radio Luxemburg hörte.
Immer nur nachts, weil man diesen Sender in Hamburg nämlich nur um die Geisterstunde herum empfangen konnte und dann auch noch extrem verrauscht. Aber das machte mir nichts aus, denn auf RTL bekamst du Sachen um die Ohren gehauen, die du deutschlandweit sonst nirgendwo zu hören bekamst.“

Begonnen mit den RATTLES, die bereits in den 60ern zu „Come On And Sing“ aufforderten und welche leider genauso wenig wie WONDERLAND mit ihrem Kult-Song (einer der in der DDR begehrtesten und zugleich streng verbotenen) „Moscow“ und A.R. & THE MACHINES auf „Das Beste“ vertreten sind, entwickelte sich der Solo-Musiker ACHIM REICHEL seit 1976 mit „Dat Shanty Alb‘m“, das die „Welt Hamburg“ als „ein geglücktes Experiment, eines der besten deutschsprachigen Konzeptalben seit Lisbeth Lists ‚Blauer Blume‘“ bezeichnete, zu einem der angesehensten deutschsprachigen Musiker zwischen solchen Größen wie WOLF MAAHN, KONSTANTIN WECKER und UDO LINDENBERG.
Noch zuvor aber hatte Reichel im Geburtsjahr des Kritikers 1964 bereits nach einem Konzert, gemeinsam mit LIVERBIRDS und THE TIELMAN BROTHERS euphorische Kritiken erhalten, in denen der Wiener Journalist so weit ging, von einer Show zu sprechen, „die selbst die BEATLES blass aussehen lassen“ würde. Das brachte ihm, dem 1944 als Sohn einer Seefahrerfamilie geborenen Musiker in der Öffentlichkeit später sogar den Spitznamen vom „Ur-Vater des deutschen Rocks“ ein, der immerhin bereits gemeinsam mit THE BEATLES aufgetreten war.

Dann kamen nach dem puren RATTLES-Rock‘N‘Roll der straighte Krautrock mit WONDERLAND und die elektronische Version davon mit A.R. & THE MACHINES, um sich daraufhin dem deutschsprachigen Rock in so etwa allen Schattierungen zuzuwenden, den diese beeindruckende, nicht in chronologischer Reihenfolge gestaltete Zusammenstellung umfangreich und aus Reichels Sicht auch vollständig umreißt.

Nach den ersten zwei Alben „Dat Shanty Alb‘m“ (1976) und „Klabautermann“ (1977), in denen Reichel Semannslieder rockig präsentiert, folgt mit „Regenballade“ (1978) eine riesige Überraschung, denn nun nimmt sich der Hamburger klassische Balladen von Goethe, Fontane und anderen Dichtern, die Reichel selber als „Wortmagier“ bezeichnet, vor und erhält dafür den Preis der deutschen Schallplattenkritik. Natürlich gibt es von den drei Alben jede Menge Songs auf „Das Beste“ zu hören, von denen beispielsweise „Der Erlkönig“ eine Single- oder „John Maynard“ eine Live-Version ist.

Im Jahr 1979 erscheint dann mit „Heiße Scheibe“ das erste Reichel-Album, das neben klassischer, „verruchter“ Dichtung, wie Francois Villons „Ich bin so wild nach deinem Erdbeermund“ (Leider nicht auf „Das Beste“ enthalten!) auch die ersten eigenen Texte enthält. Richtig glücklich war Reichel mit dem Album allerdings nicht, weswegen wohl auch kein einziger Titel es auf diese Zusammenstellung geschafft hat: „Wenn du irgendwo herkommst und wo auch immer hin willst, vergreifst du dich halt manchmal in den Mitteln. ‚Heiße Scheibe‘ ist ein Beispiel für solch eine Situation.“

Ein Jahr später entscheidet sich Reichel mit modernen deutschen Dichtern, wie Jörg Fauser und Kiev Stingl, zusammenzuarbeiten, was nun und für die Zukunft einen mächtigen textlichen und musikalischen Schub für ihn bedeutet. Gerade solche Titel wie „Der Spieler“ oder „Boxer Kutte“ und „Eine Ewigkeit unterwegs“, alle drei von Jörg Fauser geschrieben und auf „Das Beste“ enthalten, in denen jeweils eine spannungsgeladene Geschichte erzählt wird oder die frechen Stingl-Songs „Steaks und Bier und Zigaretten“ und „Der blonde Hans“, beide auf der B-Seite der dritten LP, werden so zu Highlights der Musikgeschichte um ACHIM REICHEL.
Und der Spieler vom 1981er-Album „Blues In Blond“, für das Jörg Fauser alle Texte geschrieben hatte, wurde sogar der erste echte große Hit, der Reichel in die ZDF-Hitparade brachte, auch wenn ein Reichel im Grunde in einer von Schlagern dominierten Sendung absolut nichts zu suchen hatte – wie‘s dazu kam, beschreibt Reichel folgendermaßen: „Als ‚Der Spieler‘ schon ein Hit war, haben sich einige Rundfunk-Stationen geweigert, ihn zu spielen. Ich entschied für mich, was soll's, mach' halt eine Kurzversion davon und kürze das Stück um eine Strophe. Und so kam, was nicht zu verhindern war, die Einladung zur ZDF-Hitparade. Obwohl das eigentlich nicht meine Baustelle ist, war ich dann doch der Meinung: Wenn Du den Leuten zeigen willst, dass es auch etwas Anderes zu hören gibt, musst Du da hin. Seitdem steht in meiner Trophäen-Sammlung eine metallene Hitparaden-Drei.“
Zum Glück ist aber die volle Version von „Der Spieler“ auf der B-Seite der ersten LP dieser in einem Hardcover-Schuber steckenden Box zu hören, der das Album „Blues In Blond“, welches Reichel zu den besten Alben seiner Karriere zählt, 1981 eröffnete.
So wurde durch die enge Zusammenarbeit von Fauser und Reichel auch eine große Freundschaft geboren.

„Als sie an der Strophe ‚Boxer gehen in die Knie‘ über der nächsten Liedzeile grübelten und Achim die Zeile ‚blaue Augen zahlen drauf‘ einfiel, sagte Fauser zu ihm, als hätte er sein Schicksal vorausgeahnt: ‚Jetzt bist du so weit allein zu gehen.‘“

Der Schicksalsschlag trat 1987 ein, als Jörg Fauser an seinem 43. Geburtstag am 17. Juli auf der Autobahn A 94 bei München aus noch immer ungeklärten Umständen tödlich verunglückte, weil er, nicht etwa als Autofahrer, sondern als Fußgänger, von einem LKW erfasst wurde. Ein Jahr später erscheint dann das Album „Fledermaus“, auf dem Reichel erstmals komplett allein textete und komponierte.
„Das Beste“ wird dann auch mit einer Live-Version von „Die Nacht hat viele Sterne“ von „Fledermaus“ abgeschlossen, wozu Reichel bemerkt: „Eine schöne Verschmelzung von Melodie (etwas komplexer) und Text. Der gefällt mir heute noch!“
Regelmäßig erscheinen jetzt ein Album auf das nächste, bis es insgesamt 22 sind, von denen 37 Titel auf dieser Zusammenstellung landeten. Das bis dato erfolgreichste Album „Melancholie und Sturmflut“ wird 1991 veröffentlicht, erringt erstmals Goldstatus und wir finden gleich drei Titel davon auf „Das Beste“.

„Ich fühle mich wie für die Musik geboren, habe aber auch irre viel Glück gehabt und manchmal frage ich mich: Wo soll ich eigentlich meine Kerze aufstellen?“

1997 erscheint dann mit „Herz ist Trumpf“ auch das erste „Best Of“-Album von ihm, nachdem man kurz zuvor seinen Song „Amazonen“ aus vielen Radiostationen verbannt hatte, da er das Wort „Männerarsch“ enthielt. Ja, damals faselte man noch von christlichen Werten, bis diese durch notgeile Kuttenträger, die ihren göttlichen Stab in Messdiener-Popos versenkten, in Schutt und Asche gelegt wurden. Hier bekam der Begriff Moral-Apostel eine völlig neue Dimension. Davon konnte ACHIM REICHEL so gesehen schon viel eher ein Lied singen.

Wenn man die 4-LP-Box genauer betrachtet, fällt auf, dass sich Reichel zwar nicht chronologisch diese Zusammenstellung vorgenommen hat, sondern sich stark thematisch orientiert, sodass die komplette zweite LP nur Titel aufweist, die von deutschen Klassikern, wie Heine, Goethe, Fontane, Morgenstern und anderen gedichtet sind.
Die 3. LP ist größtenteils mit Live-Versionen und Special Editions angereichert.
Auf der 4. LP versteckt sich mit „Winde wehn“ noch dazu eine unveröffentlichte Aufnahme aus der 2006er-Produktion „Volxlieder“.
Eröffnet wird die Box außerdem mit dem bis dato noch nie veröffentlichten „Halt die Welt an (Für immer glücklich – mehr geht nicht)“. Ein besseres Resümee kann man im Grunde nach 75 Jahren intensivem, leidenschaftlichem und verdammt musikalischem Leben nicht ziehen.
Gewidmet ist die Box, neben seiner großen Liebe Heidi, zugleich den vier Künstlern, die ACHIM REICHEL auf seinem musikalischen Lebensweg begleiteten, aber deren eigener Weg eher ein Ende fand, als dass sie diese Veröffentlichung miterleben durften.

Seit 2016 schreibt ACHIM REICHEL nun bereits an seiner Autobiographie, die natürlich zugleich eine grandiose Ergänzung zu dieser musikalischen „Das Beste“-Autobiographie ist. Nur bisher müssen wir auf das gedruckte Lebenswerk noch warten, das in Vinyl-Rillen gepresste liegt hiermit in ausgezeichneter, komplett von EROC remasterter Qualität vor.

FAZIT: „Wenn man eine gewisse Müdigkeit spürt, altersbedingt, muss man wieder Hunger kriegen.“, stellt ACHIM REICHEL in dem dicken Begleitheft zu dieser liebevoll gestalteten, in einem Hardcover-Schuber steckenden „Das Beste“-4-LP-Box zu seinem 75. Geburtstag fest. Und während andere kleinbürgerlich gealterte Altersgenossen nach der Schnabeltasse greifen, greift der Ewighungrige noch immer nach seiner Gitarre. „Forever Young!“ – „Das Beste“ ist der beste Beweis dafür!

PS: Alle fett oder normal gedruckten Zitate in dieser Review wurden von der offiziellen ACHIM REICHEL-Homepage und aus dem 24seitigen LP-großen Booklet der 4-LP-Box übernommen.

Thoralf Koß - Chefredakteur (Info) (Review 1045x gelesen, veröffentlicht am )

Unser Wertungssystem:
  • 1-3 Punkte: Grottenschlecht - Finger weg
  • 4-6 Punkte: Streckenweise anhörbar, Kaufempfehlung nur für eingefleischte Fans
  • 7-9 Punkte: Einige Lichtblicke, eher überdurchschnittlich, das gewisse Etwas fehlt
  • 10-12 Punkte: Wirklich gutes Album, es gibt keine großen Kritikpunkte
  • 13-14 Punkte: Einmalig gutes Album mit Zeug zum Klassiker, ragt deutlich aus der Masse
  • 15 Punkte: Absolutes Meisterwerk - so was gibt´s höchstens einmal im Jahr
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Tracklist:
  • Seite A (19:34):
  • Halt die Welt an (Für immer glücklich – mehr geht nicht) (4:09)
  • Fliegende Pferde (4:09)
  • Auf der Rolltreppe (3:52)
  • Aloha Heja He (3:59)
  • Hella Ballu Ballé – Live (3:15)
  • Seite B (19:15):
  • Der Spieler (5:15)
  • Boxer Kutte – Alternativer Single Mix (4:22)
  • Kuddel Daddel Du (4:45)
  • Kuddel‘s Revolution – Special Edit (4:53)
  • Seite C (18:55):
  • Rolling Home (3:31)
  • Pidder Lüng (6:45)
  • Nis Randers (3:18)
  • Trutz blanke Hans – Live (5:21)
  • Seite D (20:08):
  • Herr von Ribbeck ‘94 – Live (3:05)
  • Der Erlkönig – Single Version (3:59)
  • Röslein auf der Heiden (2:26)
  • Belsazar (3:44)
  • Sophie, mein Henkersmädel (3:17)
  • Oh wie kalt ist es geworden (3:37)
  • Seite E (19:09):
  • Am besten du gehst – Live (4:04)
  • Wer sowas Liebe nennt (4:08)
  • Sa-Lo-Me – Special Edit (2:54)
  • Auf der Reeperbahn nachts um halb eins – Live (3:54)
  • Eine Ewigkeit unterwegs – Special Edit (4:09)
  • Seite F (19:46):
  • Steaks und Bier und Zigaretten – Live (3:23)
  • Kreuzworträtsel (3:32)
  • Der blonde Hans (4:02)
  • Johny Maynard – Live (4:11)
  • Exxon Valdez (4:38)
  • Seite G (19:56):
  • Meine Seele spannte weit ihre Flügel aus – Live (7:04)
  • Der Mond ist aufgegangen (3:07)
  • Regenballade (6:39)
  • Winde wehn (3:06)
  • Seite H (18:41):
  • Leben leben – Altern. Single Version (4:08)
  • Entspann Dich (3:52)
  • Wahre Liebe (5:46)
  • Die Nacht hat viele Sterne – Live (4:55)

Besetzung:

Alle Reviews dieser Band:

Interviews:
  • keine Interviews
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