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Postcards: After The Fire, Before The End (Review)

Artist:

Postcards

Postcards: After The Fire, Before The End
Album:

After The Fire, Before The End

Medium: CD/LP/Download
Stil:

Indie, Dreampop, Shoegaze

Label: t3 records
Spieldauer: 35:03
Erschienen: 15.10.2021
Website: [Link]

Ein genauerer Blick auf das Cover und natürlich den Titel des neuen Albums des Indie-Shoegaze-Dreampop-Trios POSTCARDS aus dem Libanon verrät uns, dass es auf dem vierten Album der Beiruter ziemlich brenzlig wird. Doch nicht nur das – auch bedrückend, traurig, leidend und leidenschaftlich, doch musikalisch trotzdem schön, verträumt, aber auch aggressiv und fordernd.

After The Fire, Before The End“ ist ein Album geworden, das nicht nur während einer, sondern gleich mehreren Krisen entstand und von Krisen erzählt, in denen Existenzen zerstört werden, der Tod einem mitunter näher als das Leben ist, die Trauer das Dasein bestimmt und das Glück sich während der Isolation aus dem Staube gemacht zu haben scheint.

POSTCARDS suhlen sich mit ihrem Dreampop trotzdem nicht im Selbstmitleid, sondern versuchen eher angriffslustig Mut zu machen, wenn Julia Sabra ihre warme Stimme hymnisch erhebt, sie manchmal gar den eruptiven Gitarren und tiefen Bässen entgegensetzt und wie die aufgehende Sonne nach einer viel zu langen Nacht klingt. Schließlich hieß ja das 2018er-Debüt auch „I'll Be Here In The Morning“, und war genau das Programm, welches dem bedrückenden aktuellen Album, das sich ganz offenbar auf die erschütternde Explosion, welche sich im August 2020 im Hafen von Beirut ereignete und mehr als 200 Menschenleben forderte, bezieht, da auch die Rauchschwaden auf dem Cover wohl Aufnahmen von der Katastrophe sind, entgegensteht.

Uns so wird bereits der erste Song „Mother Tongue“ zu einer Anklage gegen ein aggressiv regiertes Land und die hauptstädtische Heimatstadt, die sich eher korrumpiert, als seinen Bürgern beizustehen. Eine Heimat, auf die man unter diesen Bedingungen nicht wirklich stolz sein kann, aber trotzdem mit Stolz seine eigene Muttersprache sprechen sollte: „Wenn es in meiner Stadt regnet, dann wird sie überschwemmt. Wir wurden in verborgenen Korridoren geboren und halten unsere Kinder von den Türen und Fenstern fern. Glückliche blaue Augen hängen nur noch als Poster an der Wand. Nicht jeder kann hier leben, doch wir müssen an unserer Muttersprache festhalten.“

Eine Atmosphäre, die bedrückt und aufrüttelt zugleich – und die man im Album-Opener genau so auch zu hören bekommt.

Das gesamte Album behält fast durchgängig seine kritische Perspektive, bleibt politisch zum Glück nicht neutral und zeigt, wie schwierig es ist, im Libanon ein normales, friedliches Leben zu führen, sodass sogar ein Song mit dem Titel „Summer“ nicht nur von der Schönheit dieser Jahreszeit erzählt, sondern auch davon, wie Soldaten sich auf Dächern platzieren, um die Menschen in den Häusern und auf der Straße zu beobachten.
Auch „January“ hat nicht den ersten Monat des neuen Jahres im Visier, sondern vielmehr die Trauer, die einem im neuen genauso wie im vergangenen Jahr überall begegnet: „Trauer beim Älterwerden, Trauer am Ende, Trauer als dein Nachbar, Trauer als dein Freund...“

Ganz offensichtlich ist die Musik der POSTCARDS von den Ereignissen ihres Heimatlandes dermaßen geprägt, dass die Schrecken dort in keiner Weise beschönigt, sondern von dem Beiruter Trio kunstvoll und musikalisch umgesetzt und mit genau den Stimmungen und der Lyrik verwirklicht werden, die dieser realen Welt ihre eigene Gefühlswelt gegenüberstellt, welche sich dann am Ende des Albums mit der infernalischen Hymne „If I Die“ vervollkommnet: „Es ist nichts mehr übrig außer der Sonne. Begrabt mich im Licht.“

After The Fire, Before The End“ wird so das bisherige Opus Magnum der POSTCARDS, in dem sie ihre Ängste und den Wehmut, die mit ganz konkreten Ereignissen ihrer Heimat verbunden sind, mit ihren persönlichen Sehnsüchten und Träumen sowie ihrer unerschütterlichen Liebe vereinen, wobei Shoegaze auf Dreampop trifft und einen Tanz durch den finsteren Tunnel dem Licht entgegen aufführt. Egal, wie traurig einen auch die eigene Heimat machen kann.

FAZIT: Das Shoegaze-Dreampop-Trio POSTCARDS aus der Hauptstadt Libanons, Beirut, gelingt mit „After The Fire, Before The End“ auf beeindruckende Weise die Vereinigung von schwelgerischem und druckvollem Indie-Pop mit bedrückend-aufrüttelnden, sehr heimatverbundenen Texten, die zugleich Bitternis und zärtliche Hoffnung auf bessere Zeiten in sich vereinen. So als würde man eine Postkarte mit einem Bild-Motiv der Nacht auf der einen Seite voller Worte über die Sonne auf der anderen Seite versehen.

Thoralf Koß - Chefredakteur (Info) (Review 824x gelesen, veröffentlicht am )

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Wertung: 12 von 15 Punkten [?]
12 Punkte
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Tracklist:
  • Seite A (18:38):
  • Mother Tongue (4:19)
  • Home Is So Sad (3:20)
  • Sea Change (3:51)
  • Summer (4:18)
  • Bruises (2:51)
  • Seite B (16:25):
  • Flower In Your Hair (4:34)
  • Red (5:00)
  • January (3:04)
  • If I Die (3:47)

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