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Rock Hard: Ausgabe 469 (Review)

Artist:

Rock Hard

Rock Hard: Ausgabe 469
Album:

Ausgabe 469

Medium: Magazin
Stil:

Heavy Metal

Label: Rock Hard
Spieldauer: 132 Seiten
Erschienen: 26.06.2026
Website: [Link]

Raus aus der Tabuzone: "Lasst uns reden!" Bereits auf dem Deckblatt seiner 469. Ausgabe fordert das ROCK HARD dazu auf, sich dem Thema "Mental Health" zu widmen, und liefert für die Auseinandersetzung ein 18-seitiges Special, das mehrere Interviews und Artikel umfasst, als Grundlage. Verantwortlich für die Texte zeichnen die seit 2022 für das Metal-Magazin schreibende Judith Kaiser-Rübsamen, die hauptberuflich als Yoga-Lehrerin arbeitet und sich somit quasi von Haus aus mit dem Themenspektrum „Mentale Gesundheit“ befasst, sowie der langjährige (auch für Musikreviews.de schreibende) Redakteur Andreas Schiffmann.

Dass die beiden damit eines des lesenswertesten Specials der deutschsprachigen Metal-Journaille in jüngerer Zeit verfasst haben, ist dennoch alles andere als selbstverständlich: Themen wie Depression, Angst(störung), Rückzug und Isolation mögen zwar seit Jahrzehnten zum Kanon von mehr oder minder sozialkritischen Texten im Metal gehören, doch offen diskutiert werden sie unter Fans eher selten – zumindest bis vor kurzem. Denn die Artikel unter der Überschrift "Mental Health: Auf Tuchfühlung mit dem schwarzen Hund" eröffnen ermutigende Perspektiven – zusammengefasst: "Wie die Metal- und Rock-Community lernt, über mentale Gesundheit zu sprechen" (so der Untertitel des Specials). Rock-Hard-Redakteurin Kaiser-Rübsamen geht dabei beispielhaft voran, indem sie ihren Gesprächspartnern wohlwollend und auf Augenhöhe begegnet, sie nicht auf ihre Erkrankungen reduziert, gleichzeitig mit ihren jeweiligen Belastungen ernst nimmt und Raum für Humorvolles lässt. Diese Haltung ermöglichte es den Interviewten, sich zu öffnen und ehrlich zu konstatieren, wie sich der individuelle Leidensdruck äußert. So räumt Paul Kuhr, Sänger der Dark-Metal-Band November’s Doom, ein:

„Ich habe begriffen, dass ich die Texte für unsere letzten acht oder neun Alben nur schreiben konnte, wenn ich sturzbetrunken war. Und darauf bin ich nicht stolz.“

Und Nik Petronijevic, Sänger und Gitarrist der Post-Punk-Band Anger Mgmt. berichtet von seinem Leben in völliger Zurückgezogenheit, das er vor einigen Jahren führte:

„Ich konnte das Haus nicht mehr verlassen, mir wurde immer schwarz vor Augen. Aber selbst da habe ich nicht gecheckt, dass es eine Angsterkrankung sein könnte (…). Da habe ich meinen Job verloren, bin drei Jahre nur zu Hause gewesen. Einmal die Woche kam eine Therapeutin, die mit mir geübt hat, nach draußen zu gehen, einkaufen zu gehen und so was. Das hat mir wieder Sicherheit gegeben, mich mit Freunden zu treffen, aber geschlossene Räume waren weiterhin sehr, sehr schwierig für mich.“

Es sind ungewöhnliche Aussagen, welche die Musiker hier treffen und die sie nicht zuletzt auch von einer verletzlichen Seite zeigen – wobei klar sein sollte, dass eine große Portion Mut dazu gehört, sich auf diese Weise in der Öffentlichkeit zu äußern. Im Gespräch mit Petronijevic wird deutlich, welche individuelle Bedeutung die eigene Musik angesichts kritikwürdiger sozialer Rahmenbedingungen annehmen kann:

“Ich bin wütend auf unser System, das Menschen wie mir nicht wirklich hilft, sondern sie häufig einfach abschiebt, weil es zu wenig Personal und Fachkräfte gibt. ANGER MGMT. ist also Aggressionsbewältigung mit Musik.“

Welche heilenden Kräfte im Metal ruhen können, wird in Rübsamens Gespräch mit Charlie Speicher deutlich, der neben seinem Job als Schulleiter das "Fire in the Mountains Festival" im Blackfeet Reservat mitorganisiert und sich in der Firekeeper Alliance für eine Beratung von psychisch erkrankten Menschen stark macht, die nicht danach fragt "what’s wrong with you?", sondern "what’s strong with you?".

"Wir fördern eine bestimmte theoretische Ausrichtung, die wir als stärkenbasierten Beratungsansatz bezeichnen. (…) Wir versuchen, unsere Klienten und unsere Schüler als ganzheitliche Menschen zu betrachten, die zwar unter Selbstmordgedanken leiden, aber eben auch positive Erfahrungen gemacht haben, die wir herausstellen und betonen möchten."

Diese Haltung harmoniert mit Speichers Wahrnehmung von Metal als Musik, die von zahlreichen Indigenen für ihre kathartische Qualität geschätzt wird und die Heimat in einer Gemeinschaft bietet:

"Die Metal Community fungiert als starke Quelle des Schutzes in unserem eigenen Leben. Deshalb versuchen wir genau dies zu nutzen und zu fördern."

Um die Kraft der Gemeinschaft geht es auch im Interview von Schiffmann mit Florian Döring, Dirk Werfl und Jens Hinrichs vom Verein Metality, der sich dafür einsetzt, das Thema "Depression" in der Metal-Szene aus der Tabuzone zu holen.

Jens Hinrichs: "In der Öffentlichkeit wird man noch schnell als schwach oder als Simulant hingestellt. Wenn man in einer Community Mitleidende trifft, denen man sich nicht erklären muss und die wissen, wie es sich anfühlt, kann das eine große Erleichterung sein. Vielleicht traut man sich dann eher, zu sagen: Okay, ich lasse mir helfen."

Kaiser-Rübsamen berichtet zudem vom "Mental Health Festival NRW", das im vergangenen Spätsommer im Siegener Vortex unter dem Motto "Lass ma‘ mehr über Psyche reden" stattfand und neben einem musikalischen Programm Vorträge und Gesprächsangebote zum Thema umfasste. Professionelle Beratung für Musikerinnen und Musiker bietet Psychologin Anne Löhr an, die im Gespräch mit Schiffmann die aktuellen Herausforderungen im Musikgeschäft reflektiert, das nicht zuletzt durch Social Media derweil ungeheuerliche Abgründe bereithält, die insbesondere junge Menschen enorm stressen können.

FAZIT: Mit dem 18-seitigen Special zu "Mental Health" eröffnet das ROCK-HARD-Magazin in Ausgabe 469 authentische Einblicke in das breite Spektrum seelischer Erkrankungen und transportiert ermutigende Impulse in seine Leserschaft. Die auf dem Deckblatt prangende Forderung "Lasst uns reden!" setzen Judith Kaiser-Rübsamen und Andreas Schiffmann wertschätzend in sehr lesenswerten Interviews um. Diese inspirieren bestenfalls dazu, seine Mitmenschen und auch sich selbst wohlwollender zu beobachten und Hilfe entweder anzubieten oder anzunehmen.

Thor Joakimsson (Info) (Review 311x gelesen, veröffentlicht am )

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