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Cryptex: Madeleine Effect (Review)

Artist:

Cryptex

Cryptex: Madeleine Effect
Album:

Madeleine Effect

Medium: CD
Stil:

Mehr Musical Rock denn Progressive Folk

Label: SAOL
Spieldauer: 50:31
Erschienen: 24.04.2015
Website: [Link]

„Extrahiere die Schönheit und Reinheit des Schmerzes, erkenne die Anarchie der Vergänglichkeit und du wirst „Madeleine Effect“ verstehen!“

Uff, das klingt nach starkem Tobak, den uns Bandchef und Hobbyphilosoph Simon Moskon hier vorsetzt. Vielleicht wollte er mit dem Eigenzitat im Booklet von CRYPTEX' zweitem Album auch gegen seine literarische Inspiration anstinken? Profan ausgedrückt ist der Madeleine Effekt nämlich die Erinnerung an Kindheitserlebnisse durch Sinneseindrücke in der Jetztzeit. Die Idee der musikalischen Umsetzung dürfte wohl 2013 erfolgt sein, denn damals wurde der hundertste Geburtstag von Marcel Prousts Roman „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ gefeiert, in dem die Hauptfigur eben jenes beschriebene Phänomen beim Verzehr eines Madeleine-Gebäcks hat.

Die Absicht der Band, Musik zu schreiben, die den Hörer in derartige Zustände versetzt, scheint recht aussichtslos, sind mit den Erinnerungen doch oft Klänge oder Lieder verbunden, von denen es auch in der Vergangenheit schon unzählige gab. Neue Musik ist da ein schlechter Trigger, und so löst „Madeleine Effect“ bei mir in dieser Hinsicht gar nichts aus. Da erscheint es schlüssiger, in den zwölf Nummern bestimmte Situationen oder Erlebnisse zu beschreiben, die jemand im Madeleine Effekt durchlebt.

Das wiederum ist ein gefundenes Fressen für CRYPTEX: Die Band aus Salzgitter inszeniert jedes Mal kleine Szenen, die stark an Musicalsongs erinnern. Dazu trägt auch die Instrumentierung bei, in der Klavier und der rockuntypische, eher gospelhafte Chorgesang dominieren. Diesem Soundbild als Grundlage bleibt das Quartett treu, es scheint hier nach dem experimentierfreudigeren Debüt seinen Stil gefunden zu haben. Das bedeutet aber auch, dass „Madeleine Effect“ sich immer in familientauglicher Härte bewegt, und für die selbstgewählte Stilbezeichnung „Progressive Folk“ geht die Vielfalt nicht weit genug. Den sparsam verwendeten Sonderinstrumenten bleibt es damit verwehrt, jeweils eine spezielle Atmosphäre zu erzeugen.

Das sagt natürlich nichts über die Qualität der Songs aus. Hier erweist sich CRYPTEX immer wieder der großen Musicalkomponisten als würdig und bieten durchdachte, abwechslungsreiche Lieder, die oft mit netten Details aufwarten und mit verschiedenen stilistischen Einflüssen spielen. An „When The Flood Begins“ gefällt der überraschende Walzer am Ende und „Romper Stomper“ sticht als flotte Akustiknummer mit Cajón heraus. „Orange Blossom City Girl“ ist CRYPTEX' Version von „Sweet Home Alabama“ und „Melvins Coolercoup“ entwickelt sich dank des schrägen Mittelteils zum gut inszenierten Alptraum.

Der hymnische Bombast-Stil findet mit QUEEN, frühneunziger AEROSMITH und GUNS'N'ROSES auch Anknüpfungspunkte in der Rockmusik. Damit ist auch die Rolle des Frontmanns gemeint. Simon Moskon setzt seine Stimme theatralisch und extrem vielseitig ein und kann vor allem bei kräftigen Refrains in Mittellage punkten. Die mehrstimmigen Gesänge sind auf ähnlich hohem Niveau. Was jedoch nervt, ist die zur Schau getragene Rockstarattitüde. Gesang ist fast immer zu hören, gut ein Drittel davon allerdings nur als „Whohohoho“ oder „Whahahahaha“, auch viele Zeilen nehmen so ein überdramatisiertes Ehendehee. Dazu kommen immer wieder Anfeuerungen an die Band, die höchstens bei Livekonzerten etwas zu suchen haben. Auf Platte ist das nicht nur völlig unnötig, es verdichtet den Sound noch mehr, so dass viele nette Details von Keyboards und Gitarren nur schwer wahrnehmbar sind.

FAZIT: Insgesamt überwiegt bei „Madeleine Effect“ aber ein positiver Eindruck. CRYPTEX machen Gute-Laune-Musik mit dem Pathos einer farbenprächtigen Bühnenshow und anspruchsvollen Songs (an dieser Stelle sei auch das aufwändige Booklet erwähnt, das zeigt, wie ernst die Band ihren Job nimmt). Da CRYPTEX aber auf den finalen Wumms verzichten, ist es schwer, hier eine generelle Zielgruppe auszumachen, doch das ist bei Musicals ja nicht anders.

Joe A. (Info) (Review 4010x gelesen, veröffentlicht am )

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Wertung: 11 von 15 Punkten [?]
11 Punkte
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Tracklist:
  • The Knowledge Of Being
  • Ribbon Tied Swing
  • When The Flood Begins
  • Romper Stomper
  • Stroking Leather
  • Release My Body
  • Madame De Salm
  • Orange Blossom City Girl
  • Melvins Coolercoup
  • A Quarter Dozen In Ounzes
  • New York Foxy
  • Anthem Of Glory

Besetzung:

Alle Reviews dieser Band:

Interviews:
Kommentare
Dominic
gepostet am: 01.02.2016

Hi,

ich finde dein Review zu dem Album sehr gut. Höre es mir seit ein paar Tagen über Spotify an und kann dir in vielerlei Hinsicht zustimmen.

Ich frage mich jedoch, was genau die Band am Ende des Liedes Madame De Salm erreichen will.
Zugegebener Maßen habe ich etwas Probleme dabei den Text zu verstehen, was durch die vielen Whahahaha etc. nicht gerade verbessert wird. Aber sofern meine Ohren mich nicht trüben ist dort deutlich ein Ausschnitt aus der Hitlerzeit zu hören.

Will der Band nichts unrechtes tun, weil sie musikalisch gut ist, aber was macht diese Passage dort?
André Fedorow
gepostet am: 19.09.2018

Hey Dominic, eine Antwort auf deine Frage findest du in diesem Interview:

https://www.metal.de/interviews/cryptex-interview-mit-marc-andrejkovits-zum-neuen-album-madeleine-effect-61255/

Liebe Grüße
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