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Charlotte Brandi: The Magician (Review)

Artist:

Charlotte Brandi

Charlotte Brandi: The Magician
Album:

The Magician

Medium: LP+CD
Stil:

Art Pop, Klassik, Jazz, Singer/Songwriter

Label: PIAS/Roughtrade
Spieldauer: 50:39
Erschienen: 15.02.2019
Website: [Link]

CHARLOTTE BRANDI – ein klangvoller Name der eigentlich ideal geschaffen ist für eine Chanteuse und ganz große Chansons.
Noch dazu ein Album-Cover, das auf den ersten Blick genau diesen Eindruck bestätigt. Doch bei CHARLOTTE BRANDI kommt es vielmehr auf den zweiten Blick und ein genaues Gespür für aussagekräftige Texte und geheimnisvolle Melodien an. Denn die Sängerin scheint bereits ihr Inneres nach außen zu kehren und hat auf dem Cover nicht nur den romantisch-abendlichen Blues, sondern trägt auch feuerrote Teufelshörner.

Klassisch angehaucht beginnt das Album durch „Veins“ gleich mit Streichern und Arien-Gesang, doch nur für ein paar Sekunden lang, bis CHARLOTTE BRANDI ihre Stimme erhebt und hymnische Pop-Klänge den Hörer umschmeicheln. Überhaupt! Diese Stimme! Ob die tiefen Moll-Töne, die ein wenig nach SUZANNE VEGA klingen oder die Höhen, durch die immer wieder eine TORI AMOS tiriliert, wenn die Brandi zu singen beginnt, dann kann sie Steine erweichen oder Glas zum Zerspringen bringen.
Aber das konnte sie auch schon bei ME AND MY DRUMMER in bestem THE DRESDEN DOLLS bzw. AMANDA PALMER-Flair, das sich ebenfalls durch das gesamte Debüt-Album der deutschen Musikerin zieht.
Auf „The Magician“ ist wirklich vieles zauberhaft und magisch. Klassik-Pop mit viel Streichern, aber auch barjazzigen Piano-Einsprengseln und Hymnen, Hymnen, Hymnen!

Selbst als Filmmusik wäre „The Magician“ ideal geeignet.
„My Days In The Cell“ klingt wie aus einem schaurig-schönen Film mit musikalischer Unterstützung von TITO & TARANTULA, während das wahrhaft epische „Two Rows“ gleich als eine ganze Story, wie für einen Film geschaffen, daherkommt. Dieser Song bildet das Zentrum des Albums und CHARLOTTE BRANDI lässt dabei ihren eigenen Film ablaufen, damit der Song ordentlich das Kopfkino des Hörers anfeuert, der dabei folgende Story über seine Ohren vor seinem geistige Auge ablaufen sehen sollte:
„Ein verlassener Bahnhof, irgendwo im Süden Europas, irgendwann im Hochsommer. Es ist heiß und staubig, eine Szene wie aus einem alten Italo-Western, nur, dass hier keine Musik von Ennio Morricone zu hören ist, sondern das Ächzen eines alten Zuges, der sich mühsam in den Bahnhof schleppt. Kaum jemand steigt aus, kaum jemand steigt ein. Auch nicht der Mann vor dem Bahnhof, der dort mit seinem Koffer herumsteht und es nicht fassen kann, dass die Bahnhofsbar seit Monaten geschlossen ist. Er weiß nicht, wann der Zug kommt, auf den er wartet. Der ihn zurückbringen soll, weg von der Hetze der Flucht, ab nach Hause, wo immer das sein soll. Vor gar nicht langer Zeit besaß er noch alles: Macht, Ansehen, ein Auskommen. Doch er hat alles verloren, steht mit nichts als seinem Herzen in Händen da, es ist die ultimative Lektion in Sachen Demut. Und wie in einem Traum erscheint vor seinem inneren Auge die Person, die einem Zuhause am nächsten kommt. Dieses Bild gibt ihm Kraft. Kraft, die er dringend braucht, hier in der absoluten und gottverlassenen Fremde.“
Unter diesen Umständen, angereichert mit Jazz-Feeling, Klassik und Sprechgesang wird „Two Rows“ ein episches Mini-Kunstwerk. Unfassbar schön wie ein Liebesfilm, von dem man von Anfang bis Ende auf die Folter gespannt wird, ob es nun zu einem Happy End oder einem echt tragischen Abgang kommt.

So thematisiert „The Magician“ den immer währenden Kampf zwischen Gut und Böse, der himmlischen Erscheinung, die ihre teuflische Seite nicht versteckt, sondern offen zeigt – doch welche dieser beiden Seelen wird am Ende als Sieger hervorgehen. Bei „Faust“ war es der Mensch statt des wissbegierigen Wissenschaftlers, das arme Gretchen statt der Herr der Fliegen, Mephisto. Auch bei CHARLOTTE BRANDI klingt nicht nur musikalisch Klassisches durch, eben auch in ihren Texten. Am Ende aber ist „The Magician“ märchenhaft. Das Gute siegt über das Böse.
Doch...
Irgendwo da draußen lauert schon wieder das Böse, um sich am Guten zu rächen.
Wer wird dann als Sieger hervorgehen?
Die Hoffnung?
Die Verzweiflung?
Glück oder Leid?
Egal, all diese Schattierungen hört man auf „The Magician“!

FAZIT: Drei Jahre lang, ausgelöst durch einen schweren Fußbruch und vollendet auf einem alten, restaurierten Klavier in Berlin-Neukölln, dauerte es, bis „The Magician“ von CHARLOTTE BRANDI in seiner ganzen musikalischen Schönheit und textlichen Magie erstrahlen konnte. „Keine Kompromisse!“, das war der Grundsatz bei der Entstehung und das kompromisslose Ergebnis zwischen Klassik und Pop, Jazz und Singer/Songwriter kann sich sehen und hören lassen. Natürlich digital genauso wie auf CD und vor allem Vinyl, dem noch dazu, neben einem aufklappbaren doppelseitigen, LP-großen Blatt mit einem wunderschönen Aquarell auf der einen und allen Texten auf der anderen Seite, die CD beiliegt! Magisch und zauberhaft – der Titel des Solo-Debüts der ehemaligen ME AND MY DRUMMER-Sängerin, -Keyboarderin und -Gitarristin hält, was er verspricht.

Thoralf Koß - Chefredakteur (Info) (Review 595x gelesen, veröffentlicht am )

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Wertung: 12 von 15 Punkten [?]
12 Punkte
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Tracklist:
  • Seite A (24:12):
  • Veins (4:34)
  • Defenseless (4:51)
  • My Days In The Cell (5:05)
  • Two Rows (5:41)
  • Jenny In Spirit (4:01)
  • Seite B (26:27):
  • Sitting Bull (2:24)
  • Aiferous (5:25)
  • A Sting (4:51)
  • A Word (5:02)
  • Where The Wind Blows (2:59)
  • New Linen (5:46)

Besetzung:

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  • keine Interviews
Kommentare
Mathias Diehl
gepostet am: 21.02.2019

User-Wertung:
12 Punkte

Dieses großartige Album habe ich Dank dieser Kritik für mich entdecken können. Begeistert mich jedes Mal aufs Neue. Tolle Produktion, niveauvoll und mit Anspruch. Sehr fein.
(-1 bedeutet, ich gebe keine Wertung ab)
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