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Bon Jovi: 2020 (Review)

Artist:

Bon Jovi

Bon Jovi: 2020
Album:

2020

Medium: CD/LP/Download
Stil:

Singer / Songwriter / Pop Rock

Label: Island / Universal
Spieldauer: 63:10
Erschienen: 02.10.2020
Website: [Link]

Um es direkt vorweg zu nehmen: BON JOVI anno 2020 haben nur noch marginal etwas mit den breitbeinigen Rockern von damals zu tun, die sich zunächst als Projekt zusammenfanden, um ein Demo einzuspielen. „Runaway“ gewann nicht nur einen Radiowettbewerb für Nachwuchsmusiker, sondern bescherte Jon BON JOVI als einzigem aus der Combo einen Major Deal mit POLYGRAM. Der Rest der Band firmierte fortan nur als Angestellte der Marke BON JOVI, ein Konstrukt, das bis heute Bestand hat.

Aus dieser Zeit Anfang der 1980er Jahre stammen die wildesten Geschichten, die immer wieder auch Jons kongenialer Co-Autor Richie Sambora nicht ohne Stolz kolportierte. Legendär die Story, wie es zur Entstehung des Welthits „Dead Or Alive“ kam. Die Legende besagt, dass Jon zum Songwriting immer über die GW Bridge fahren musste, da die Sessions in Samboras Haus stattfanden, Jon selbst aber in New Jersey wohnte. Jon erzählt, dass er immer sehr vorsichtig sein musste, wenn er an der Tür klopfte, bei Air-Condition, die selbst im Februar auf 10 stand und man nie wissen konnte, „wer oder was mit Richie im Raum war, wenn er die Tür öffnete“.

Sambora steht seit etwa einer Dekade nicht mehr auf Jons Payroll und mit seinem Abgang, der aufgrund ständiger Alkoholexzesse zwangläufig war, verabschiedete sich die Band mehr und mehr vom Sound und der Attitüde der Rock´n´Roll Outlaws. Zudem ist seit etwa dieser Zeit auch die Tendenz zu beobachten, dass die Arrangements sich nur noch auf das Wesentliche beschränken und Jon stimmlich nicht mehr in der Lage ist, auf dem damaligen Niveau zu singen, YouTube Videos dokumentieren teilweise traurige Darbietungen der alten Hits, die jede ambitionierte Coverband besser hinbekommt.

Wer aufgrund dieser Vorrede nun allerdings einen kapitalen Verriss des neuen Werks „2020“ erwartet, wird enttäuscht sein, denn eines ist die Scheibe durchaus nicht: enttäuschend. Vergebens zwar, sucht man echte Rocknummern oder Titel, die an die großen Zeiten der Band erinnern, als man Millionen Tonträger weltweit verkaufte, geblieben aber ist das Gespür des Frontmanns, eingängige Melodien zu schreiben, die sich nun aber mehr in der Singer / Songwriter Ecke verorten lassen. Somit ist „2020“ die wohl endgültige Abkehr von der Hair-Metal Vergangenheit und die Hinwendung zu DYLAN – typischer Melancholie des gealterten, erwachseneren Jon BON JOVI. Seine Einflüsse wie BRUCE SPRINGSTEEN oder eben jener BOB DYLAN haben nun deutlich die Oberhand über die Rockinspiration der Marken THIN LIZZY oder AEROSMITH gewonnen. Zudem klingt seine Stimme in den unteren Registern immer noch bemerkenswert sonor und besitzt jene Unverwechselbarkeit, die man entweder in die Wiege gelegt bekommen hat oder niemals besitzt.


Das Album sollte planmäßig bereits im Frühjahr 2020 erscheinen, das Release wurde aber aufgrund der globalen COVID-19 Krise auf den 02. Oktober verschoben, wohl auch, weil Jon sich, wie schon des Öfteren, zu tagesaktuellem Geschehen musikalisch äußern wollte. Dass neben dem weltweit neu auf der Bildfläche aufgetauchten Global Player auch Polizeigewalt und die Zerrissenheit der amerikanischen Gesellschaft Eingang in das Songwriting gefunden haben, ist aufgrund der tragischen Ereignisse um George Floyd und den anschließenden gewalttätigen Auseinandersetzungen geradezu zwangsläufig.

Somit sind die Titel, die einen aktuellen Bezug haben, auch die wichtigsten des Albums. Jon BON JOVI bei „Do What You Can“, „American Reckoning“, oder „Lower The Flag“, wobei letzterer die Amokläufe thematisiert, die Amerika in der Vergangenheit erschüttert haben, kommerzielle Interessen zu unterstellen, ist bei mehr als 130 Millionen verkaufter Alben geradezu lächerlich. Nach dem Opener „Limitless“, mit netter Hook und tatsächlich so etwa wie rockigem Anstrich, folgt mit „Do What You Can“ die Aufarbeitung der Pandemie, BON JOVI-Style. Der Text schildert die Folgen für den Einzelnen, und gibt peu á peu den Blick auf die globalen Auswirkungen frei, denn solange kein Impfstoff gefunden ist, wird sich das Leben nicht wieder so unbeschwert führen lassen wie bisher, prognostiziert Jon.


Direkt im Anschluss schildert er das Schicksal George Floyds, der acht lange Minuten durch das Knie eines Polizisten auf dem Hals ermordet wurde. Der Appell Jon BON JOVIs auf „American Reckoning“ ist klar: Aufstehen, die Stimme erheben, Ungerechtigkeit nicht zulassen. Einer der wichtigsten Songs der Band überhaupt und so nah an BRUCE SPRINGSTEEN wie nie zuvor. Mit „Beautiful Drug“ und „Story Of Love“ plätschert die Chose etwas seichter dahin, Jon selbst nimmt die Spannung der beiden vorangegangenen Song etwas von den HörerInnen: „Es ist Zeit, die Masken abzunehmen, Zeit, sich nicht mehr verstecken zu müssen“ – etwas Wunschdenken scheint hier Vater seiner Gedanken zu sein.

„Song Of Love“ ist der Soundtrack des Verhältnisses zwischen Eltern und ihren Kindern, wenn alles planmäßig läuft, wie das in guten Elternhäusern sein sollte. „Let It Rain“ erinnert an SPRINGSTEENs Meisterwerk „The River“, eine als Hymne konzipierte Nummer, die etwas wehmütig macht und wiederum soziale Ungerechtigkeiten brandmarkt. Das oben schon erwähnte „Lower The Flag“ ist eine komplett ehrlich produzierte Akustik-Nummer, die mit der Aufzählung der Städte endet, in denen kürzlich Amokläufe stattgefunden haben. Genau diese Momente machen das Album so wichtig, Songs weit ab der Belanglosigkeit, weit ab von „a little Runaway“ oder „Have A Nice Day“.

„Blood In The Water“, im Anschluss, oder, besser gesagt „Dry County Part II“ ist die späte aber noch rechtzeitige Aufarbeitung eben jenes Monster-Tracks, der damals, nach der ersten Reunion der Band, auf „Keep The Faith“ erschienen ist. Hieß es dort:

„Across the border they turn water into wine
Some say it's the devil's blood
They're squeezing from the vine
Some say it's a savior
In these hard and desperate times
You see it helps me to forget that we're just born
To die“

heißt es nun:
„A storm is coming
Let me be clear
Your days are numbered
The end is near

Once I came across your border
Now they come to take me back
I sleep with one eye open
I don't make waves, I don't leave tracks“

und weiter:
„Blood in the water
Who's jumping in
The devil´s made his final offer
Now the sharks are circling
Blood in the water
Our fates are sealed
The devil´s greatest trick was just to say he wasn't real“.

Die Harmonien sind fast identisch und erinnern nicht nur dezent, sondern wie eine Reprise an „Dry County“. Jon überlässt den HörerInnen reichlich Spielraum zur Interpretation, wobei „Blood In The Water“ deutlich die Fortsetzung der Geschichte aus anderer Perspektive erzählt. Ein Mega-Titel.

„Brothers In Arms“ im Anschluss eine Nummer, die die Spannung wegnimmt und perfekt platziert erscheint. Ein Rocker mit angezogener Handbremse, wie er für BON JOVI nach 2003 typisch ist. „Unbroken“ beendet das Album in der Normalversion, während die Deluxe-Ausgabe, die der Redaktion vorliegt, noch drei weitere Songs enthält, u.a. das Duett mit Country Star Jennifer Nettles, die der Duettversion von „Do What You Can“ ihren Stempel aufdrückt.

FAZIT: Reif, geläutert und getrieben vom Bewusstsein, aufgrund ihrer immer noch ungeheuren Popularität in den USA eine nicht unbedeutende Stimme zu haben, präsentieren sich BON JOVI weit ab des Klischees der alternden Rocker, die schon immer denselben Stiefel heruntergespielt haben. „2020“ ist eines der wichtigsten Alben der Band geworden, die sich nicht scheut, Position zu beziehen, jedoch ohne den erhobenen Zeigefinger. BON JOVI liefern eher Singer / Songwriter-Stoff denn Rock wie in alten Zeiten und dürften für Fans der ersten Stunde mithin ungenießbar sein, für HörerInnen ohne Scheuklappen jedoch ist „2020“ ein Werk, das ein dickes Ausrufezeichen setzt.

Stefan Haarmann - Stellv. Chefredakteur (Info) (Review 6998x gelesen, veröffentlicht am )

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Tracklist:
  • Limitless
  • Do What You Can*
  • American Reckoning*
  • Beautiful Drug
  • Story Of Love
  • Let It Rain*
  • Lower The Flag
  • Blood In The Water*
  • Brothers In Arms
  • Unbroken
  • --------------------------
  • Bonustracks:
  • Do What You Can (w/ Jennifer Nettles)
  • Shine
  • Luv Can
  • *Anspieltipp

Besetzung:

Alle Reviews dieser Band:

  • 2020 (2020) - 12/15 Punkten
Interviews:
  • keine Interviews
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