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Van Der Graaf Generator: Pawn Hearts (1971) – Deluxe Vinyl Edition (Review)

Artist:

Van Der Graaf Generator

Van Der Graaf Generator: Pawn Hearts (1971) – Deluxe Vinyl Edition
Album:

Pawn Hearts (1971) – Deluxe Vinyl Edition

Medium: LP/Remaster
Stil:

Progressive- und Jazz-Rock, Kult

Label: Virgin Records/Universal Music
Spieldauer: 44:58
Erschienen: 08.04.2022
Website: [Link]

Mit „Pawn Hearts (1971) – Deluxe Vinyl Edition“ setzt sich die große VAN DER GRAAF GENERATOR-Offensive fort, wobei nunmehr ganz speziell auch die VDGG-Vinyl-Freunde bedient werden.
Also fassen wir noch einmal zusammen, was innerhalb kürzester Zeit alles rund um die frühen Veröffentlichungen der Siebzigerjahre einer der wohl ungewöhnlichsten Progressive-Rock-Bands, die neben dem charismatischen Hammill-Gesang speziell auch durch das ekstatische Jackson-Saxophon-Gebläse bestach, geschah:
Erst kam 2021 die riesige Box mit den Alben und Unmengen von Bonus-Aufnahmen ihrer Charisma-Jahre von 1970 – 1978 auf den Markt, dann folgten nur kurze Zeit später 3-Disc-Editionen, von denen eine immer eine DVD mit dem 5.1-Surround-Sound-Album-Mix war, der Alben „H To He Who Am The Only One“ + „Pawn Hearts“ + „Godbluff“ + „Still Life“ und nun endlich kommt auch die Deluxe-Vinyl-Auflage genau dieser vier LP's, wiederum direkt von den originalen Aufnahmebändern speziell für Vinyl remastert, heraus.

Das viert VDGG-Prog-Album trug den Titel „Pawn Hearts“ und wurde im Oktober 1971, ein gutes Jahr nach dem schwer beeindruckenden „H To He Who Am The Only One“ veröffentlicht und ist zudem das erste Album von VAN DER GRAAF GENERATOR, das mit „A Plague Of Lighthouse-Keepers“ eine Suite, welche sich mit gut 23 Minuten über eine komplette LP-Seite erstreckt, enthält.

Waren in der Original-LP-Ausgabe im Gatefoldcover von 1971 die Texte noch nicht enthalten, so wurde das in der wiederum akkurat nachgebildeten „Pawn Hearts (1971) – Deluxe Vinyl Edition“ nachgeholt und ein Textblatt beigefügt. Erneut zeichnet sich für die Cover-Gestaltung auch dieses Albums PAUL WHITEHEAD aus. Allerdings vermag die Gestaltung diesmal nicht so zu beeindrucken, wie die des Vorgängeralbums. Dafür irritiert aber die seltsam anmutende Innenseite, wenn man die LP-Hülle aufklappt, denn dort erwartet einen ein doppelseitiges Band-Foto, das mit etwas Fantasie die vier Musiker beim 'Hitlergruß' zeigt. Die Absicht dahinter ist natürlich eine völlig andere – und schließlich geht der heutzutage verboten 'Hitlergruß' ja auch weit in die Antike zurück – aber als großformatiges Coverbild im Inneren einer LP hätte man auf solche Intentionen vielleicht doch besser verzichten sollen. Dabei war das Entstehen des Bildes ausschließlich auf ein Spiel zurückzuführen, das VDGG während des langwierigen Tourens, um ihre Langeweile in den Freiräumen zwischen den Konzerten zu überbrücken, selbst erfunden hatten und 'Crowborough Tennis' nannten, bei dem man einen Ball von einer Tischplatte so lange wie möglich aus kräftig prallte bzw. tippte ohne dass er versprang. So schnell kann es zu Missverständnissen kommen bei diesem auch heute immer noch sehr empfindlichen Thema.

Die Musik wiederum, welche auf dem längst als echter Prog-Klassiker geltenden Album zu hören ist, lotet eine Vielzahl von ungeahnten Klängen aus und zählt so – auch von den Texten her – zu den bahnbrechenden Alben der Siebziger-Jahre-Prog-Ära. Das Remaster der Deluxel-Edition auf 180g-Vinyl erfolgte direkt von den Original-Masterbändern und klingt deutlich besser als die Original-Ausgabe von 1971. Besonders die aufregenden Stereo-Effekt begeistern, welche einen beispielsweise bei einigen Saxophon-Passagen regelrecht schwindelig machen und solche Zeilen wie „Yes I know / It's out of control...“ immens betonen, indem sie den Hörer ebenfalls in einen 'Außer-Kontrolle-Zustand' versetzen.

Aber auch dieses seltsame Begrüßungsritual auf der LP-Innenseite wird von seiner (versteckten) Symbolkraft her deutlich, wenn man sich mit dem Text von „Man-Erg“ genauer beschäftigt, in dem es um den 'Killer, der in uns lebt' („The killer lives inside me : I can feel him move.“) geht und Bezüge zu dem Kriegszimmer (beides Bilder aus dem vorhergehenden Album „H To He Who Am The Only One“) hergestellt werden, und wir im Umgang damit am Ende dafür verantwortlich sind, ob wir den 'Killer' verstummen lassen oder ihn in uns und außerhalb von uns wüten – und vielleicht sogar zu einem Diktator werden – lassen: „I'm just a man / And killers, angels, all are these: / Dictators / Saviours / Refugees.“

Die komplette LP-B-Seite mit der zehnteiligen (!!!) Suite „A Plague Of Lighthouse Keepers“ ist sehr speziell und lebt von puren Stimmungsschwankungen, die manchmal extrem wechselhaft und übergangslos daherkommen. Ein Grund dafür ist, dass die einzelnen Teile auch anfangs unabhängig voneinander eingespielt und dann zu einem zusammenhängenden Konzept ausgearbeitet wurden. Dafür aber erhielten alle beteiligten Musiker ausgiebige Freiräume und konnten sich bei dem Stück mit einbringen. Das hört und genießt man am Ende auch, denn noch heute zählt diese epische, wechselreiche Suite zu den besten Longtracks aller Zeiten, die durchaus mit dem ebenfalls sehr abwechslungsreichen „Supper's Ready“ von GENESIS vergleichbar ist.

Eigentlich war geplant, aus „Pawn Hearts“ eine Doppel-LP zu machen, die nach dem Vorbild von PINK FLOYDs „UmmaGumma“ aus dem Jahr 1969 auf einer LP das speziell konzipierte Album und auf der anderen LP persönliche Projekte und 'Live im Studio'-Versionen von den älteren VDGG-Stücken „Killer“ und „Octopus“ enthalten sollte. Dummerweise aber lehnte das 'Charisma'-Label diese Idee für die zweite LP ab, was durchaus verständlich war, denn im Jahr 1971 blieb der erhoffte VDGG-Erfolg aus. PETER HAMMILL bemerkte dazu, dass Charisma Records eine zweite LP nicht für angemessen hielten und besonders der Live-Aufnahmen und der Solo-Beiträge seiner drei Musiker-Kollegen wegen ein Veto einlegten.

Erst später entwickelte sich dieses wirklich außergewöhnliche Prog-Album – besonders durch Hammills Gesang und dessen apokalyptisch anmutenden Texte sowie die Saxophon-Beiträge von Jackson – zu dem Klassiker, wie es später das MOJO-Magazin bezeichnete: „One of the most extraordinary albums of its era!“

Zudem ist auch diese Album wieder für alle Freunde aus dem KING CRIMSON-Umfeld begehrenswert, denn nachdem ROBERT FRIPP auf dem LP-Vorgänger bei „The Emperor In His War Room“ in die Saiten griff, tut er es auf „Pawn Hearts“ gleich durchgängig und wird im Inneren der LP bei den Musiker-Angaben wie ein VDGG-Mitglied aufgeführt (allerdings nur unter seinem Nachnamen FRIPP, während die VDGG-Musiker alle mit Vor- und Zunamen angegeben werden).

In gewisser Weise brachte dieses faszinierende Album für VAN DER GRAAF GENERATOR zugleich ein schlechtes Omen mit sich, denn während und nachdem die Band eine viermonatige Europa-Tournee angetreten war, kam es zu einigen Spannungen zwischen den einzelnen Bandmitgliedern, die dazu führten, dass Hammill VDGG im August 1972 verließ, obwohl bereits an neuen Stücken gearbeitete wurde, von denen einige auf Hammills 1973er-Solo-Album „Chameleon In The Shadow Of The Night“ landeten. Die verbleibenden drei VDGG-Mitglieder veröffentlichten dann unter dem Bandnamen THE LONG HELLO 1974 ein Album gleichen Titels, an dem auch weitere Musiker, wie der ehemalige VDGG-Bassist NIC POTTER mitwirkten.

Nur drei Jahre später aber sollte diese Trennung bereits wieder Geschichte sein und sich als großer „Godbluff“ beweisen!

FAZIT: Auch wenn „Pawn Hearts“ von VAN DER GRAAF GENERATOR beim Erscheinen im Jahr 1971 nicht der erhoffte Erfolg beschieden war und der Wunsch, ein Doppel-Album daraus zu machen, vom Platten-Label verwehrt blieb, so gilt das progressive Meisterwerk heutzutage als absoluter und zugleich bahnbrechender Prog-Rock-Klassiker, der die Prog-Ära maßgeblich mitprägte. Als „Pawn Hearts (1971) – Deluxe Vinyl Edition“ gibt es nunmehr ein großartige, speziell für Vinyl remasterte Neuausgabe, die nicht nur von der musikalischen, sondern nun auch der sound-technischen Seite her hervorragend klingt. Ein altes Meisterwerk auf den neusten Stand gebracht. Chapeau!

Thoralf Koß - Chefredakteur (Info) (Review 1002x gelesen, veröffentlicht am )

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Tracklist:
  • Seite A (21:54):
  • Lemmings (including Cog) (11:35)
  • Man Erg (10:19)
  • Seite B (23:04):
  • A Plague Of Lighthouse Keepers
  • *Eyewitness
  • **Pictures / Lighthouse
  • ***Eyewitness
  • ****SHM
  • *****Presence Of The Night
  • ******Kosmos Tours
  • *******(Custard's) Last Stand
  • ********The Clot Thickens
  • *********Land's End (Sineline)
  • **********We Go Now

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