Musikreviews.de bei Facebook Musikreviews.de bei Twitter

Partner

Statistiken

Japanese Breakfast: For Melancholy Brunettes (& Sad Women) (Review)

Artist:

Japanese Breakfast

Japanese Breakfast: For Melancholy Brunettes (& Sad Women)
Album:

For Melancholy Brunettes (& Sad Women)

Medium: CD/LP/Download
Stil:

Artpop, Singer/Songwriter, Folkrock, Barock-Pop

Label: Dead Oceans
Spieldauer: 32:25
Erschienen: 21.03.2025
Website: [Link]

Der Name des Bandprojekts von Michelle Zauner klingt zunächst rätselhaft. Abgesehen davon, dass die US-Musikerin 1989 in Seoul geboren wurde und damit koreanische Wurzeln hat (also keine japanischen) - was hat es bloß mit diesem Moniker auf sich? Die Begründung ist, wie so oft, banal: Zauner kam darauf, nachdem sie ein GIF eines japanischen Frühstücks gesehen und gedacht hatte, der Begriff könnte doch für Amerikaner irgendwie hübsch exotisch sein. Zum Glück gibt es längst bessere Gründe, sich über JAPANESE BREAKFAST Gedanken zu machen. 

Nämlich die tolle Musik der im liberalen US-Bundesstaat Oregon aufgewachsenen Sängerin und Gitarristin. Die ist auf dem neuen Album "For Melancholy Brunettes (& Sad Women)" spannender als je zuvor. Was durchaus etwas heißen will angesichts eines Vorgängerwerks namens "Jubilee", das vor drei Jahren mehrere Grammy-Nominierungen einheimste.


Produziert von Studiozauberer Blake Mills, der auch schon Bob Dylan, Dawes, Perfume Genius oder Fiona Apple betreute und selbst ein herausragender Gitarrist und Songwriter ist, wurde die vierte Platte von JAPANESE BREAKFAST im legendären Sound City von Los Angeles aufgenommen, wo schon Klassiker wie Neil Youngs "After The Gold Rush" oder Nirvanas "Nevermind" entstanden. Wie der Albumtitel andeutet, erkundet Zauner in den meisten der zehn Lieder "das fruchtbare Feld der Melancholie, das seit langem als psychischer Zustand von Dichtern auf der Schwelle zur Inspiration gilt", wie ihr Label Dead Oceans mitteilt.

Nach dem Erfolg von "Jubilee" und ihrem autobiografischen Buch-Bestseller "Crying In H Mart” (auf Deutsch als “Tränen im Asia-Markt“ im Ullstein Verlag erschienen) war es für Zauner vermutlich gar nicht so einfach, sich wieder aufs Songschreiben zu konzentrieren. "Ich fühlte mich verführt, indem ich bekam, was ich immer wollte", sagt sie. "Ich flog zu nah an die Sonne heran, und mir wurde klar, dass ich sterben würde, wenn ich weiterflöge." Das Ikarus-Motiv halt.


Auf dem JAPANESE BREAKFAST-Album "For Melancholy Brunettes (& Sad Women)" spiegelt sich diese Thematik - die Gefahren des Begehrens - in einer Reihe wunderschön melodischer Artpop-Songs, die abwechselnd an Feist, Kate Bush, Aimee Mann oder Joanna Newsom erinnern. Der Opener "Here Is Someone" evoziert prachtvolle Sixties-Folk-Vibes, das bereits als Single-Teaser vorab ausgekoppelte "Orlando In Love" nimmt diese verträumte Stimmung in einer Cinemascope-Produktion auf. 

Mit "Honey Water" wird der Sound plötzlich zur Wall, ufert aus, mit rauen, dröhnenden, zerrenden Gitarren, die Zauners gehauchte Vocals reizvoll kontrastieren. JAPANESE BREAKFAST schildern hier "die stille Wut einer Frau, die mit einem untreuen Mann verheiratet ist und zusieht, wie er immer wieder der Lust erliegt - wie ein primitives Insekt, das seinem eigenen Untergang entgegenwirkt", so beschreibt das Label diesen fabelhaften Dreampop/Shoegaze-Track. "Mega Circuit" hat dagegen eine fast sommerliche Leichtigkeit - ein lässiger Popsong, für den Taylor Swift vermutlich töten würde.


Wer jetzt bereits den Eindruck gewonnen hat, dass JAPANESE BREAKFAST ein Album ohne Fehltritt und ohne Füllmaterial vorgelegt haben - genauso ist es. Die Akustikgitarren-Ballade "Little Girl" und das funkelnde Barock-Pop-Juwel "Leda" ziehen bei aller Melancholie nicht runter, zumal mit "Picture Window" als Anti-Depressivum schnell ein Uptempo-Track im 90s-Stil der schon erwähnten Aimee Mann folgt. Ein weiteres Highlight ist der gegen den Strich gebürstete Country-Song "Men In Bars”, den Zauer mit Schauspiel-Gott Jeff "The Big Lebowski" Bridges (75) im wunderbar gegensätzlichen Hell-versus-Heiser-Duett performt.


"Winter in LA" kombiniert Sixties-Pop à la Burt Bacharach mit einem opulenten Soul-Arrangement, das Ergebnis: ein traumhaft geschmackssicherer Retro-Song. "Magic Mountain" zum Abschluss ist genau das - magisch. Und wiederum ganz schön schwermütig, schließlich geht's im Closer eines Albums voller kluger literarischer  Anspielungen um Thomas Manns berühmten "Zauberberg". Für Michelle Zauner ein sehr persönliches Lied "über die Auseinandersetzung mit dem Narzissmus, der mit dem Künstlerdasein einhergeht, und die Entscheidung, nicht zuzulassen, dass er meine Fähigkeit, ein glückliches Leben zu führen, zerstört".


FAZIT: “For Melancholy Brunettes (& Sad Women)“, so heißt das vierte Album von Michelle Zauner und ihrem gefeierten Songwriter-Artpop-Projekt JAPANESE BREAKFAST. Und wie der Titel vermuten lässt, geht es um "das launische, fruchtbare Feld der Melancholie, das seit langem als der psychische Zustand von Dichtern am Rande der Inspiration gilt", wie ihr Label Dead Oceans erklärt. Klingt etwas überladen, und nein, es sind auch nicht alle Lieder dieser Platte ungemein schwermütig. Aber insgesamt unterscheidet sich das erste richtige Studioalbum der Band - nach improvisierten Aufnahmen in Lagerhäusern, Wohnwagen und Lofts - von der Atmosphäre und vom Sounddesign (Blake Mills!) her doch einigermaßen von den drei extrovertierteren Vorgängern. Wer ambitionierten "Erwachsenen-Pop" jenseits von Taylor Swift oder Olivia Rodrigo mag, wer eher zu einer Leslie Feist oder einer Aimee Mann tendiert, der wird bei JAPANESE BREAKFAST viel Schönes und Wertvolles (um nicht zu sagen: Leckeres) entdecken.

Werner Herpell (Info) (Review 267x gelesen, veröffentlicht am )

Unser Wertungssystem:
  • 1-3 Punkte: Grottenschlecht - Finger weg
  • 4-6 Punkte: Streckenweise anhörbar, Kaufempfehlung nur für eingefleischte Fans
  • 7-9 Punkte: Einige Lichtblicke, eher überdurchschnittlich, das gewisse Etwas fehlt
  • 10-12 Punkte: Wirklich gutes Album, es gibt keine großen Kritikpunkte
  • 13-14 Punkte: Einmalig gutes Album mit Zeug zum Klassiker, ragt deutlich aus der Masse
  • 15 Punkte: Absolutes Meisterwerk - so was gibt´s höchstens einmal im Jahr
[Schliessen]
Wertung: 13 von 15 Punkten [?]
13 Punkte
Kommentar schreiben
Tracklist:
  • Here Is Someone
  • Orlando In Love
  • Honey Water
  • Mega Circuit
  • Little Girl
  • Leda
  • Picture Window
  • Men In Bars
  • Winter in LA
  • Magic Mountain

Besetzung:

Alle Reviews dieser Band:

Interviews:
  • keine Interviews
(-1 bedeutet, ich gebe keine Wertung ab)
Benachrichtige mich per Mail bei weiteren Kommentaren zu diesem Album.
Deine Mailadresse
(optional)

Hinweis: Diese Adresse wird nur für Benachrichtigungen bei neuen Kommentaren zu diesem Album benutzt. Sie wird nicht an Dritte weitergegeben und nicht veröffentlicht. Dieser Service ist jederzeit abbestellbar.

Captcha-Frage Vervollständige: Wer anderen eine ___ gräbt, fällt selbst hinein.

Grob persönlich beleidigende Kommentare werden gelöscht!