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Grossstadtgeflüster: Oh, ein Reh! (Review)

Artist:

Grossstadtgeflüster

Grossstadtgeflüster: Oh, ein Reh!
Album:

Oh, ein Reh!

Medium: CD
Stil:

Electro / Pop / Punk / Rock

Label: Four Music
Spieldauer: 45:46
Erschienen: 07.06.2013
Website: [Link]

GSGF goes mainstream – wir haben es doch alle schon immer gewusst: es wird alles schlimmer, als es ist... sanfter Wohlfühl-Dudel-Pop in einer lauwarmen Suppe mit Textbrühwürfeln aus dem Billigsortiment der Glücklich-für-Anfänger-Ratgeber-Literatur. „Lass die Liebe in dir wohnen / Und schmeiß den Hass dafür raus / Ich versprech es wird sich lohnen / Es wird ein wunderbarer Tausch“ - ja, hallo, wollen die uns verarschen?

Zugegeben: wer ihnen übel will, der kann GROSSSTADTGEFLÜSTER problemlos auf jene scheinbar naiven Floskeln reduzieren und Jen, Raphael und Chriz vorwerfen, sich zu wiederholen, vor allem „Konfetti und Yeah“, „1000 Tonnen Glück“ und „Düsen“ laden mit kunterbunter guter Laune dazu ein. Mit „Sprengstoff“ zünden GSGF im Anschluss allerdings einen Kracher, der „Ich muss gar nix“ als Hit-Single ablösen könnte und bei den Apo-Reitern im Vorprogramm einen Flächenbrand auslösen würde (wäre eine gewagte, aber geile Tour-Kombi). Mit dem Opener „Ufos über’m Fernsehturm“ gelingt zudem ein herrlich-schräger Einstieg in die vierte Scheibe des Trios, die ultrafett produziert ist: hier offenbaren sich im knalligen Klanggewand auch nach dem x-ten Hören noch liebe- und humorvolle Details, die einmal mehr zeigen, dass das Trio über sich selbst am Meisten lacht. „Wir haben uns gerade noch gefehlt“ knüpft atmosphärisch an „Dein Flow“ vom Debut an und verdeutlicht, dass GSGF irgendwie immer noch auf ihrem sehr eigenen Weg unterwegs sind: gefühlsbetont, entspannt leidenschaftlich und freiheitsliebend. Und auch „Das System stürzt ab“ erinnert an „Die Maschine“ vom ersten Album, während „Meine Sonne“ in der Tat völlig im Mainstream ankommt, wobei das thematisierte drohende Beziehungsende bei GSGF dann eben doch nicht zur seicht-melancholischen „Das war’s dann halt eben“-Stimmung führt, sondern sich als rockiges Plädoyer zum Widerstand gegen Gleichgültigkeit entpuppt und die Hörer ermutigt, sich für den Anderen stark zu machen. Diese enthusiastische Haltung ist dem Trio auch bei den eher weniger „radiotauglichen“ Nummern eigen und weckt gemütliche Erinnerungen an Honigdieb („Eulen nach Athen“) oder klingt wie als ob Rainer Sachse (Psychologe und Autor von humorvoll-paradoxen Ratgebern wie „Wie ruiniere ich mein Leben – und zwar systematisch“) auf einer Überdosis Helium zum Rhymen über erfolglose Narzissten gezwungen wird („So viel Talente“). „Chaos“ überrascht mit Deep-Purple-Hookline, „Ende Gelände“ ätzt in bester „Kartoffelsuppe“-Tradition und das chillige „Sirenen“ öffnet der Phantasie Tor und Tür. Wann immer man meint, GSGF beim Aufwärmen alter Gerichte zu ertappen, dann machen sie einen vielleicht nicht gerade eleganten, aber wirksamen Schlenker und lassen solche Verdächtigungen ins Leere laufen. Bei allem Pop-Appeal verweigern sich die drei der totalen Eingängigkeit dann doch mit lauter eigenwilligem Schabernack, der entweder begeistert oder einfach nur verschreckt.

Fazit: Natürlich können GSGF nicht so einfach seriöse Therapien bei schweren seelischen Erkrankungen ersetzen, klaro. Zur Abwehr typisch zeitgenössischer Dämonen, die uns mit sorgenvollem Gedankenkreisen, Stress und noch mehr Stress, sowie Sinnverlust in der Überflussgesellschaft quälen, wartet auch das vierte Album des Trios mit einem ganzen Arsenal leichter Waffen auf, die je nach Hörer-Typ helfen können, aus dem einen oder anderen Hamsterrad mal zumindest für eine Dreiviertelstunde auszusteigen, befreit durchzuatmen und sich auf wirklich Wichtiges zu besinnen oder auch mal einfach ganz (un)sinnig abzuzappeln. Wer wegen der bunten Electro-Pop-Punk-Songs mit der Kitsch-Keule um die Ecke kommt, findet wohl leider keinen Zugang zu einer der grosssartigsten deutschen Live-Bands der Gegenwart, deren viertes Album einmal mehr ein charmantes DIY-Kunstwerk geworden ist.

Thor Joakimsson (Info) (Review 5051x gelesen, veröffentlicht am )

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Wertung: 12 von 15 Punkten [?]
12 Punkte
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Tracklist:
  • Ufos über'm Fernsehturm
  • Konfetti und Yeah
  • 1000 Tonnen Glück
  • Düsen
  • Sprengstoff
  • Wir haben uns gerade noch gefehlt
  • Meine Sonne
  • Das System stürzt ab
  • Dbstp
  • Eulen nach Athen
  • So viel Talente
  • Chaos
  • Ende Gelände
  • Sirenen

Besetzung:

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