Musikreviews.de bei Facebook Musikreviews.de bei Twitter

Partner

Statistiken

Tim Minchin: Apart Together (Review)

Artist:

Tim Minchin

Tim Minchin: Apart Together
Album:

Apart Together

Medium: CD/LP/Download
Stil:

Singer-Songwriter

Label: Sony / BMG
Spieldauer: 50:03
Erschienen: 20.11.2020
Website: [Link]

„In den letzten zwanzig Jahren habe ich immer von einem gewissen Standpunkt aus geschrieben. Es konnte ein Pseudo-Klassik-Song darüber sein, dein Baby ins Bett zu bringen. Oder ein österreichisches Trinklied über die Katholische Kirche. Oder aus der Perspektive eines sechsjährigen Kindes, das eigentlich ein Genie ist. Das ist großartig. Doch dies ist etwas anderes. Das hier dreht sich um das, was den entstehenden Freiraum füllt, wenn man mal für einen Moment Pause macht.“

Dass TIM MINCHIN polarisiert ist unbestritten. Die einen halten ihn für einen genialen Kindskopf, dessen beißender Sarkasmus jede Geschmacklosigkeit rechtfertigt und jedes Eintrittsgeld wert ist. Die anderen sehen in ihm lediglich das ewige Kind, dessen Unreife nichts weiter ist als die gelebte Unwilligkeit, erwachsen zu werden um die pubertären Anwandlungen nicht endlich ad acta legen zu müssen. Die Wahrheit liegt – wie meistens – irgendwo dazwischen.

Mitunter an den Tag gelegte Dünnhäutigkeit in Bezug auf Kritik tut ein Übriges. Minchins Reaktion auf eine Rezension, die den Vorschlag unterbreitete, den Komiker zu „Teeren und zu Federn“, bestand in einem Song, der sich geschlagene drei Jahre später in Gewaltfantasien gegen den Kritiker und dessen Familie erging und viel über das Selbstverständnis des Musikers – zumindest zur damaligen Zeit - aussagt.

Das war 2005. Seit dieser Zeit hat sich im Leben TIM MINCHINs einiges verändert. Neben einer Vielzahl an Auszeichnungen, die er einheimsen konnte, erwachte in dem Musik-Kömödianten der Wunsch, endlich ein „erwachsenes“ Album zu machen, fernab des bisher eingeschlagenen Weges als Musical-Komponist, Comedian und Teilzeitclown. Somit ist das vorliegende Album „Apart Togther“ letztendlich das Ergebnis eines Reifeprozesses, den sich der Künstler nicht unbedingt selbst auferlegt hat, der aber wohl nach den Erfahrungen der letzten, turbulenten 20 Jahre, irgendwie zwangsläufig war.

Fans und Freunde seiner komödiantischen Songs hatten sich bei der Ankündigung des „ernsten“ Albums schon gefragt, ob der Australier aufgrund dieser Kurskorrektur seinen Esprit und Wortwitz gegen bierernste, um breite Öffentlichkeit werbende Worthülsen würde eintauschen müssen. Die Antwort auf solch besorgte Fragen ist ein eindeutiges „Nein“.

Es gibt auf „Apart Together“ durchaus ernste Themen, die aber immer wieder durch gewaltige Wortspiele ihrer Durchschlagskraft beraubt werden, um so den Spagat zwischen selbstgestelltem Anspruch und der Erwartungshaltung des Publikums abfedern zu können.
Beispielhaft sei hier die Geschichte des Titeltracks genannt. „Apart Together“ erzählt das tragische Ende eines Paares, das in seinem Wohnwagen Arm in Arm erfroren ist und erst vier Wochen später gefunden wurde, als ein Nachbar Batterien für den Rauchmelder vorbeibringen wollte.

Bestechend ist hier neben der Geschichte an sich vor allem die Art, wie TIM MINCHIN sie erzählt.

„They'd been there a month they say
Seemed to be no decay
I guess the upside of freezing to death
Is that you tend to stay that way
Locked in each other's arms
Eyes closed and faces calm
They may have lain there 'til spring
If it weren't for the ping of their smoke alarm.”

Auch dieser Tragik gewinnt Minchin noch etwas Positives ab und singt – beinahe teilnahmslos – die großartigen Zeilen:

„I could handle the entropy
If you promise to stay with me
I give you my heart knowing things fall apart
Praying you will decay with me.”

Das gemeinsame Verrotten als ultimative Erfüllung einer Liebesbeziehung ist auch musikalisch mit tollen Fill-Ins der Trompete ein echtes Highlight des Albums.

Daneben gibt es aber zur Freude derjenigen, die auf seichteren Stoff abfahren, ebenfalls genügend zu entdecken. Die „unglücklich dreinblickenden Frauen in ihren SUV – Porsche Karossen“, müssen als Rahmenstory in „Airport Piano“ herhalten, ein Instrument, das Minchin seit frühester Jugend spielt, das er als ausgenudeltes Instrument zur allgemeinen Verfügung auf einem Flughafen allerdings hasst. Die Frage, ob das unglückliche Aussehen der Porschefahrerinnen (nicht gegendert) auf den Gebrauch von Botox zurückzuführen ist, bleibt unbeantwortet.

„The Absense Of You“ beschreibt das Leben Minchins als Reisender in Sachen Unterhaltung fern ab seiner Frau Sarah und der gemeinsamen zwei Kinder. Die Gelegenheiten, seiner Frau untreu zu werden, sind reichlich vorhanden, die Entscheidung, Monogam zu leben, trifft man deshalb - so Minchin – nicht ein einziges Mal im Leben, sondern immer wieder, wenn man besagte Gelegenheiten - um seiner Liebsten willen - auslässt.

„Talked Too Much, Stayed Too Long“ ist dann fast so etwas wie eine Reminiszenz an das bisherige Schaffen, „Leaving L.A.“ die durchaus bittere Abrechnung mit Los Angeles, der Stadt, in der er zuvor vier Jahre lang gelebt hatte, um an einem Animationsfilm zu arbeiten, der aufgrund der DreamWorks Übernahme durch Comcast ad acta gelegt und nie fertiggestellt wurde. Auch in diesem Fall gewinnt das ernste Thema durch die Art der Darstellung eine gewisse Komik, der man sich nur schwer entziehen kann:

„Check the locks and leave the keys
Mouldy bath masked with Febreze
Something's dead behind the refrigerator
Some poor fuck will deal with it later“

Was bleibt, sind die „fucking letters on the hill“ und die Erkenntnis, dass der Kadaver hinter dem Kühlschrank symbolisch für die Stadt der Engel steht. Also nichts wie weg. Wieder hinein in ein Flugzeug, in dem unserem Protagonisten dann die Gedanken bewegen, was wohl passierte, wenn der Flieger abstürzen würde. „If This Plane Goes Down“ liefert so etwas wie den ultimativ letzten Willen des Musikers, der sein Leben lang versucht hat, die Balance zwischen Selbsthass und Stolz zu finden:

„If this plane goes down
I hope that I'm one of the cool ones
Will I have the nerve to play the clown
If this plane goes down?
If this plane goes down
Remember me as someone who tried
To find a balance between self-loathing and pride
Dug too hard for love at times

FAZIT: TIM MINCHIN hat seine „Drohung“ wahr gemacht und der Ankündigung, ein „erwachsenes Pop-Album“ machen zu wollen, Taten folgen lassen. „Apart Together“ ist dabei weit mehr als der Versuch, sein bisheriges Leben als das eines singenden Clowns, gegen die Rolle in einem ernsteren Fach einzutauschen. Vielmehr gelingt MINCHIN eine durchweg hörens- und liebenswerte Aufarbeitung seines bisherigen Lebens mit all seinen Höhen und Tiefen, verpackt in teilweise unnachahmliche Sprachakrobatik und durchweg geniale Musik. Empfehlung für alle Menschen mit einem Faible für Songs, die ein Lesen und Hören zwischen den Zeilen erfordern.

Musicians
Tim Minchin – Vocals, piano, keyboards, percussion
Jak Housden – Guitar, backing vocals
James Haselwood – Bass
Evan Mannell – Drums and Percussion
Daniel Denholm – Synthesisers
Sarah Belkner – Backing vocals / vox wrangler
Ben Vanderwal – Drums and percussion
(Leaving LA, Absence)
Mat Jodrell – Trumpet (Apart Together)
Phil Stack – Upright Bass (Talked Too Much)
Georgia Mooney – Backing vocals (Can’t Save You,
Talked Too Much)
With additional backing vocals by James Haselwood,
Ben Vanderwal, Ben Gurton & Tom Fisher.

Strings / Brass
Violins: Veronique Serret (leader), Emma Jezek, Ike See,
Ilya Isakovich, Monique Irik, Glenn Christensen,
Alex Norton, Alexandra Mitchell, Lachlan O’Donnell,
Victoria Bihun, Cristina Vaszilcsin, Stephanie Zarka,
Viola: Virginia Comerford, Andrew Jezek, Jacqui Cronin,
Beth Condon, Nathan Greentree, Violoncello:
Leah Lynn, Rowena Macneish, Jack Ward, Heather Lindsay,
Contrabass: David Campbell. Trumpet: Simon Sweeney,
Trombone: Anthony Kable. French Horn: Bourian Boubbov,
Milen Boubbov. Tenor Saxophone: Graham Jesse. Alto/Baritone
Saxophones: Mark Taylor.

Orchestrators
Daniel Denholm (Summer Romance, Apart Together,
Airport Piano, Leaving LA, Lonely Tonight)
Iain Grandage (If This Plane Goes Down)
Pluto Jonze (Additional strings on Airport Piano)
Matthew Chin – Copyist for Mr Denholm

Stefan Haarmann - Stellv. Chefredakteur (Info) (Review 3409x gelesen, veröffentlicht am )

Unser Wertungssystem:
  • 1-3 Punkte: Grottenschlecht - Finger weg
  • 4-6 Punkte: Streckenweise anhörbar, Kaufempfehlung nur für eingefleischte Fans
  • 7-9 Punkte: Einige Lichtblicke, eher überdurchschnittlich, das gewisse Etwas fehlt
  • 10-12 Punkte: Wirklich gutes Album, es gibt keine großen Kritikpunkte
  • 13-14 Punkte: Einmalig gutes Album mit Zeug zum Klassiker, ragt deutlich aus der Masse
  • 15 Punkte: Absolutes Meisterwerk - so was gibt´s höchstens einmal im Jahr
[Schliessen]
Wertung: 13 von 15 Punkten [?]
13 Punkte
Kommentar schreiben
Tracklist:
  • Summer Romance
  • Apart Together*
  • Airport Piano
  • The Absence of You*
  • I Can't Save You
  • Talked Too Much, Stayed Too Long*
  • Leaving LA*
  • I'll Take Lonely Tonight
  • Beautiful Head
  • If This Plan Goes Down
  • Carry You
  • *Anspieltipp

Besetzung:

Alle Reviews dieser Band:

Interviews:
  • keine Interviews
(-1 bedeutet, ich gebe keine Wertung ab)
Benachrichtige mich per Mail bei weiteren Kommentaren zu diesem Album.
Deine Mailadresse
(optional)

Hinweis: Diese Adresse wird nur für Benachrichtigungen bei neuen Kommentaren zu diesem Album benutzt. Sie wird nicht an Dritte weitergegeben und nicht veröffentlicht. Dieser Service ist jederzeit abbestellbar.

Captcha-Frage Vervollständige: Laterne, Laterne, Sonne Mond und...

Grob persönlich beleidigende Kommentare werden gelöscht!