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Interview mit AUTUMN OF PÆKWARD (08.10.2016)

AUTUMN OF PÆKWARD

HERBSTLICH (GE)KOCH(TE) KRAUTROCKKLÄNGE AUS DER SÄCHSISCHEN NO-GO-AREA 

Natürlich hätten wir uns im Vorfeld denken müssen, dass dieses Interview eins der ganz besonderen Art wird, denn wer den Mann hinter AUTUMN OF PÆKWARD kennt, der weiß, dass man sich bei seinen Antworten auf so einiges, nicht immer ganz Ernstgemeintes gefasst machen muss, egal ob er die Beatles mit Puhdys-Zitaten versieht oder den Literatur-Kanon völlig neu erfindet, aber lest am besten selber, was diesem J.K. aus Leipzig – aber nicht J.R. aus Dallas - alles zu unseren Fragen einfiel, die er mit seiner Mail wie folgt einleitete:

Moin Jungs, ich hoffe ich habe keine inhaltlichen Fehler eingebaut...

Wünsche euch viel Freude damit und bedanke mich für dieses tolle Interju!

Hugs, Euer auf Ewig verfallener Jochen Tiberius Koch

:*”

Darum lasst uns schnell beginnen!

Es ist ein FAZIT, das es in sich hatte, denn nachdem die limitierte „Cern“-LP von AUTUMN OF PÆKWARD bei uns einflatterte, war alles nicht mehr wie vorher. Da interpretierte ein Leipziger – ja, einer der vielen Jammer-Ossis, die doch sowieso nur ihren eigenen Schlamassel mit Pegida-Parolen zu verarbeiten suchen – die verrückte Wessi-Zeit des abgefahrenen 68er-Krautrocks komplett neu und transportiert ihn in die gesamtbundesdeutsche, einheitstaumelige Gegenwart. Spock würde bei seinem Barte und mit Vulkaner-Gruß schwören, dass er direkt von der Enterprise JOCHEN KOCH zu uns gebeamt hat, damit der ein wirres Musik-Durcheinander in unser liberal vermerkeltes im Hochsicherheitsmodus durch das Ziehen einer neuen Mauer um Dresden seinen Einheitstag feierndes Deutschland mit Klängen durcheinander bringt, die wenig nationalhymnisch, dafür aber mit allen Strophen und verkrauteten Musik-Tücken versehen klingen. 

Willkommen also im Universum von AUTUMN OF PÆKWARD, welches sich inmitten von Leipzig erhebt und nicht etwa von einem echten König, sondern Koch regiert wird!


Grüß dich, Jochen!

Hast du nicht ein schlechtes Gewissen, dass du aus dem sächsischen, „verrohten“ Osten kommst und Musik macht, die nach dem 68er Westen klingt, als der sich noch mit krautigen Ideen und auch rockig-aggressiv gegen die politischen Zustände im eigenen Land wehrte, bis die Vorreiter dieser Bewegung sich dann selbst als farblose Super-Politiker in Armani-Anzügen etablierten und genau das machten, was sie in den 68ern bekämpften?

Nein.

Beziehungsweise,

auch im Osten trug man Westen. Ich möchte da unbedingt auf das hervorragende Debüt von Stern Meissen hinweisen, oder wenns denn noch weiter östlich lokalisiert werden darf…SBB! Musik kann ein Ausdruck einer Haltung sein, gar dazu animieren…gegebenenfalls  die Einstellung zum Leben, zum Menschen und zum Kosmos ändern sich, ist das nicht zwangsweise schön, darf aber durchaus toleriert werden. Wenn mir irgendwann der Nadelstreif besser steht, würde ich es auch gutheißen nicht bestraft zu werden! Ich möchte an dieser Stelle gern auf die Beatles verweisen, welche einst besangen: „Wenn ein Mensch kurze Zeit lebt, sagt die Welt, dass er zu früh geht. Wenn ein Mensch lange Zeit lebt, sagt die Welt, es ist Zeit.“


Musik ist auch Ausdruck einer Haltung!

Wie würdest du deine Haltung in Bezug zu deiner persönlichen Lebensweise und zu der Musik, die du machst, bezeichnen?

Weltraummusik vermittelt einem dieses wunderbar mollige Gefühl der Nichtexistenz…gibt es doch im Großen Raum, in dem wir leben dürfen, bedeutend phantastischere Abhandlungen! Musik dient ganz klar als septische Trägermasse, sich in dieses Konzept vom Allem und Nichts zu konglomerieren. Will sagen; im Sommer Gin-Tonic, im Winter Tonic-Gin!

 

Der Name deines Projekts stammt aus einer Erzählung von Luc Beregeaux. Wie bist du überhaupt darauf gestoßen und welche Parallelen gibt‘s zwischen der Erzählung und deiner Musik?

In jungen Jahren habe ich Sämtliches von Beregeaux verschlungen, also an Literatur…Dass ich dazu kam, verdanke ich dem Umstand, dass in meiner Heimatstadt Ottendorf-Okrilla an jedem ersten Samstag in der Woche ein großer (wenn nicht sogar DER Größte) diskordische Buchmarkt stattfand…ehrlich gesagt sprach mich die Aufmachung eines der Frühwerke Beregeauxs umheimlich an. „Fni-Fna-Fnappi“ bestach durch Wirbel, Kreise, Kuben, rotierende Elemente und ganz am unteren Bildrand saß eine kleine Katze, welche für ihre Kleinheit doch irgendwie riesig anmutete! Diese Auflage ist leider schon lange vergriffen…Und so verschlang ich ein Werk nach dem vorherigen, nach dem davorigen. Großartig seine kalendarischen Werke („Montag, Dienstag,…“)

Eine bildgewaltige Sprache, welche Beregeaux abfeuert! Allein schon wie er mit Monatsnamen spielt; „Januar“, oder besser noch „Februar“,… - fordert natürlich musische Momente exorbitant, und so kam es dann, dass Synthesizer ins Haus geschafft worden.


Irgendwo habe ich in Vorbereitung meines Interviews gelesen, dass „‚Cern‘ eine tonale Reise durch die Magie der Atomenergie assoziiert“! Ist das ernst gemeint oder nur einer der vielen Jokes, die sich gerne um deine Musik ranken?

Nun Thoralf, gut recherchiert! Gemeint ist weniger ein Kontext zur Atomenergie, vielmehr zum Atom als Solches, welches, man staune - den Weltraum inkludiert. Wenn ich darf, würde ich gern die Worte meiner Mutter zum Besten geben; „Atomkraft ist pfui!“. 

Nun ja, es ist gerade Herbst und damit ist deine Musik natürlich mehr als angesagt, aber was machst du eigentlich in den sommerlichen Wonnemonaten oder eiskalten Wintermonaten bzw. kreuzlebendigen Frühlingsmonaten für Musik? 

Also wie sieht beispielsweise SUMMER, SPRING & WINTER OF PAEKWARD aus?

Hah, sehr gut!

Melancholische Herbstmusik darf bei uns daheim das ganze (whole) Jahr über aufgetafelt werden! Hier vielleicht wieder ein kleines Zitat der Kapelle Beatles: „Als ich fortging, war die Straße steil, kehr wieder um. Nimm an ihrem Kummer teil, mach sie heil. Als ich fortging, war der Asphalt heiß, kehr wieder um. Red ihr aus um jeden Preis, was sie weiß.“


„Cern“ ist ja nicht dein erstes Album, sondern „Iktsuarpok“ aus dem Jahr 2015, das, weil es ja ebenfalls strikt limitiert war, längst vergriffen ist. Leider kenne ich das Album nicht, weil ich mir Streams und Downloads nicht anhöre, mich ihnen regelrecht verweigere. Wie würdest du mir die Unterschiede zwischen beiden Alben von dir beschreiben, um mich davon zu überzeugen, dass es sich echt lohnt, sich auch für dein erstes Vinyl-Album auf die Suche zu begeben und es vielleicht doch unbedingt erwerben zu müssen – koste es, was es wolle!?

Kommt mir bekannt vor, ich mag auch keine Streamingradios (außer den diy Radiostationen selbstverständlich)! 

„Iktsuarpok“ ist ein drönendes Leviathan, ein Ungeheuer, ein riesenhafter Zwerg; in den Kinderschuhen…wer Lust und Liebe für Quadratmetergroße Soundwände verspürt, darf hier gern zugreifen! Zukünftig wird auch wieder das Konzept der non-klerikal spiritistischen Musik aufgegriffen werden, um noch etwas tiefer in den Aether einzutauchen. Grenzen findet man bei Pækward an sich recht wenige… Kann es passieren, dass in einer Zeitphaser noch Pop-Dadaismus zelebriert wird, kommt auch schon eine Fläche ums Eck geschaut und schielt auf deathmetalesquen Krautrock. Immer wieder neu, immer wieder spannend, vor allem aber gesund und saulecker!


Glaubst du nicht, dass man bei all der sächsischen Pegida-Kacke den besorgten Bürgern (in Sachsen genauso wie im gesamtvereinigten Westdeutschland mit ausgerissenen Ost-Wurzeln) doch besser wieder ein paar Hanf-Tütchen zuteilen sollte und während die das Zeug konsumieren mit deinem aktuellen Album beschallen?

Wenns denn hilft! Wahrscheinlicher ist jedoch, dass bei den ganzen Lobotomiepatienten kein Hanfkraut der Welt was ausrichten würde; dafür bedarf es stärkeres…Amanita muscaria…


Lass uns einfach mal das künstlerische Scherbengericht spielen. Du weißt ja, in der Antike gab‘s noch eine echte Demokratie, in der man seine Stimme nicht nur zum Wählen, sondern auch Abwählen des unbeliebtesten Politikers, dessen Name auf eine Scherbe geschrieben wurde, einbringen konnte. Was bzw. wen würdest du heutzutage abwählen und welche Musik, samt welcher Künstler, würdest du umgehend verbannen wollen?

Huijuijui, und das geht dann in Erfüllung? Toll! Dabei sind heuer gar keine Sternschnuppen am Himmel zu sehen…sei´s drum… Ich würde gern jemanden hinzu konsultieren…Martin Sonneborn! 

Verabschieden würde ich mich vom Sänger von „alle Farben“, DANKE! Gefällt mir, das Spiel!

Puuuhhhh, es ist schwierig, ein Interview mit dir zu führen, darum darfst du an dieser Stelle noch alle dir unerlässlichen Botschaften, die durch meine Schludrigkeit noch nicht erfragt wurden, auf die Leser einprasseln lassen. Also, leg‘ ordentlich los!

Wenn ein Zugang zum Archiv besteht, bitte alle Arbeiten von Dr. rer. nat. Florian Schmidt studieren! Sollte dies nicht der Fall sein; Brigitte Eilert-Overbeck tut´s auch!

Ich danke dir und lass‘ dich nicht unterkriegen Jochen.

Irgendwie habe ich es in meinem herbstlichen Urin, dass uns ein viel besserer Musik-Sommer bevorstehen würde, wenn wir mehr herbstliche Musik und Leidenschaft im Umgang mit Tonträgern hätten, wie wir es bei dir erleben dürfen.

Thoralf Koß (Info)
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