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Statistiken

Frost*: Milliontown (Review)

Artist:

Frost*

Frost*: Milliontown
Album:

Milliontown

Medium: CD
Stil:

Progressive Rock

Label: InsideOut/SPV
Spieldauer: 59:07
Erschienen: 2006
Website: [Link]

Wer sich scheuklappenbewehrt in einer idealisierten Subkultur einigeln will, hat es gerade nicht leicht: da wird der unverfälschte Metal von gestriegelten und fähig musizierenden Indie-Burschen unterwandert, und braune Blödköpfe stehlen den Schwarzschwelgern ihre Hassflagge. Popper im Progressive Rock sind jedoch nichts Neues, auch mit Rücksicht auf die Entwicklung einiger kommerzieller Größen aus dem Genre heraus - Man denke an Phil Collins oder die Achtziger-Phase von Yes und erinnere sich daran, dass songschreiberische Perfektion auch im eingängigen Format funktionieren kann.

Akribie und Konstruiertheit einen beide Genres zumindest dann, wenn es sich um die Art Pop handelt, die nicht als Wegwerfprodukt gedacht ist. Solche Genauigkeit spielt sich zunächst in der Studioumgebung ab, wo nun Jem Godfrey als Initiator von FROST* ins Spiel kommt. Er hat Hits mit unterschiedlicher Halbwertszeit für diverse Sternchen geschrieben und produziert – mit den verdächtigen Üblichen (der quasi InsideOut-Hausband) lebt er auf „Milliontown“ seine Prog-Vorliebe aus. Sophisticated Rock war nie zwingend umstürzlerisch, so dass Erwartungen an vermeintlich rebellische Vehemenz sich fast verbieten. Trotz der Vergangenheit des Labels fischt es mittlerweile in breiteren Stilgewässern als nur im Metal.

Dennoch überrumpelt der heftige Einstieg in dieses Album: Drums und Gitarren klingen sehr dicht, und Pianoakkorde wie virtuose Läufe spenden Energie, die dem gewohnt distanzierten Schönklang britischer Progger eigentlich nicht zu eigen ist. Mitchell hatte offenbar freie Gestaltungsmöglichkeiten seiner Parts, denn sein Melodieverständnis ist klar herauszuhören. Godfreys Haupttätigkeit zahlt sich aus, da die Komponenten der opulenten Komposition alle hörbar im Arrangement Präsenz zeigen. Nach dem letzten Song wird sich der Verdacht erhärtet haben, es möglicherweise mit einem der momentan bestproduzierten Projekte in diesem Bereich zu tun zu haben – keine Standard Progressive-Rock-Inszenierung eben.

So achtelt „No Me No You“ radiofreundlich nach vorne. Die Gesänge sind groß angelegt und auf den eingängigen Chorus ausgerichtet, doch die Stimme klingt verhältnismäßig düster und abgeklärt. Eine am Ende wiederholte Piano-Bridge und unvorhergesehene Dissonanzen der Synth-Strings vor hintergründigem Lärm erweisen sich als gelungene Zutaten, um gekonnt an der Süßlichkeit vorbei zu musizieren. Darauf beginnt „Snowman“ konventioneller und könnte als moderner Beatles-Krümel aus dem Barte des Spock stammen. Zu den Drums gesellen sich Loops, und erneut ist die Stimme zu wenig leutselig, um das Eis zu schmelzen. Trotz ausgewachsener Länge mutet das Stück wie ein Innehalten vor dem Groover „The Other Me“ an. Auch dieser tönt teils maschinell, jedoch nicht zuletzt wegen seines Refrains wärmer. Elektronische Interferenzen beugen wiederum dem Mainstream vor, den die folgenden zehn Minuten noch nicht gänzlich austreiben.

„Black Light Machine“ basiert nämlich auf straighten Beats und quirligen Keyboard—Melodien. Andererseits gibt es reichlich Platz für elegische Gitarrenleads, die in ein Solo übergehen, welches wiederum das Tasteninstrument mit einschließt. Das Spiel zwischen Kunst und Kommerz bleibt also bis zur Verlängerung unentschieden. Die halbe Stunde Titeltrack stellt den Artrock endlich als Sieger aufs Podest. „Milliontown“ beginnt ähnlich locker wie „Snowman“, doch ein Bruch entlarvt diese Momente rückwirkend als Intro, nach welchem treibender Pomp betrieben wird. Setzt der Gesang ein, so wird es ruhiger, obwohl Godfrey die Klaviatur nervös weiterbearbeitet. Nach einer geräuschhaften Passage mit Zwitschern und Flächenakkorden dominiert unvermittelt neuerlicher Bombast, wobei die paukenartigen Schlagzeugsounds gegenüber dem bedächtigen Gesang fast brachial wirken. Insgesamt erweist sich das Stück als recht willkürliche Aufstafflung von Ideen, was eine Beschäftigung mit den nicht wortreichen Texten vielleicht relativieren könnte. Bezeichnend für die Sperrigkeit ist die zehnminütige und stimmfreie Instrumentalabfahrt am Schluss, die – hätte man sie weggelassen – auch nicht vermisst würde.

FROST* nehmen soundtechnisch und mittels einiger eingängiger Momente für sich ein, bloß ihre Absicht bleibt etwas undurchsichtig. Ist es letztlich der Selbstbeweis eines Klangtüftlers, oder eine interessante Einführung in ein Bandgefüge, welches in Zukunft – dann allerdings in geschlossenerer Form - originelle Progrock-nahe Musik veröffentlichen wird? – Sie möchten live spielen, erwarten wir also wohlwollend letzteres...

FAZIT: Nur echt mit Sternchen... ausschließlich kühl ist dieser Eiskristall nicht, und wenn das Arena-IQ-Jadis-Konglomerat sich nicht verflüssigt, werden später vielleicht weitere Sterne hinzukommen... Trotz namentlicher Opposition nicht weit weg vom unverbrauchten Progpop der Amerikaner Man On Fire.

Andreas Schiffmann (Info) (Review 2451x gelesen, veröffentlicht am )

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Wertung: 9 von 15 Punkten [?]
9 Punkte
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Tracklist:
  • Hyperventilate
  • No Me No You
  • Snowman
  • The Other Me
  • Black Light Machine
  • Milliontown

Besetzung:

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