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Nils Kercher: Suku - Your Life Is Your Poem (Review)

Artist:

Nils Kercher

Nils Kercher: Suku - Your Life Is Your Poem
Album:

Suku - Your Life Is Your Poem

Medium: CD
Stil:

Atmosphärische Weltmusik zwischen nordischer Weite und westafrikanischer Magie

Label: Ancient Pulse Records
Spieldauer: 60:46
Erschienen: 19.02.2016
Website: [Link]

Da ist er wieder zurück - ein musikalischer Weltreisender!
Oder doch ein durch die Welt reisender Musiker, der in sich die Einflüsse seiner Reisen aufsaugt und zu lebendigen Klängen werden lässt, welche das Gefühl der von ihm besuchten Orte widerspiegelt und zu „klingenden Gedichten über unser und das der Anderen Leben“ werden lässt?
Hält man das neue, in hervorragendem Sound aufgenommene Album von NILS KERCHER in der Hand und liest dessen Titel „Suku - Your Life Is Your Poem“, drängen sich unweigerlich Erinnerungen an einen der bewegendsten Filme - „Der Club der toten Dichter“ - auf, in dem aus WALT WHITMANs Gedicht „O Me, O Life“ die Schlüsselzeilen eine so wichtige Rolle spielen:

„Wozu bin ich da?
Wozu nützt dieses Leben?

Die Antwort:
Damit du hier bist -
Damit das
Leben nicht zu Ende geht,
Deine Individualität,

Damit das Spiel der Mächte weiterbesteht
Und du deinen Vers dazu beitragen kannst!“

Auch NILS KERCHER, Sänger und Multiinstrumentalist, trägt so einige Verse, ja, ganze musikalische Gedichte als Musiker für sich und uns bei! Auch stellt er dabei fest: „Ich bin selbst kein Poet, fühle mich vom Poetischen aber sehr angezogen - daher schreibe ich meine Gedichte in musikalischer Form.“ Seine und besonders die Verse seiner Lebenspartnerin Kira, welche er vertont, sind geprägt von den Einflüssen seiner Weltreisen, besonders auf den Traditionen Westafrikas aufbauend, aber auch die Nationalitäten seiner an der CD beteiligten Musiker, welche aus aller Herren und Frauen Länder kommen, als da wären Mali, Finnland, Frankreich, Senegal, Australien und natürlich Deutschland. Natürlich erklingen auch viele in unseren Breiten gänzlich unbekannte Instrumente wie Kora, Balafon, Ngoni oder Bolong. Tragend sind dabei oftmals die Percussion, gespielt in den unterschiedlichsten Rhythmen und in einem Tempo, das sich zwischen filigran und kraftvoll bewegt.

Im Grunde verbirgt sich hinter jedem einzelnen dieser neun Stücke auf „Suku - Your Life Is Your Poem“ auch eine Geschichte - eben ein kleines musikalisches Gedicht mit großer Wirkung. Erzählen kann man diese Geschichten nicht alle - hören aber schon, denn die Musik von NILS KERCHER und seiner Band nimmt einen, wohl gerade wegen ihrer leidenschaftlichen Weltoffenheit, sofort gefangen und zieht uns wie ein zärtlicher, aber immer stärker und kräftiger werdender Strudel in ihr klingendes, atmosphärisches Universum. Das dürfen wir nicht nur hören, sondern auch sehen, denn gerade erst erschien zum ersten Song des Albums, auf dem Kercher erstmals auch in Englisch singt, „Unbroken Spell“ das dazugehörige Video. Ein Duett mit der senegalesischen Sängerin MARIAMA KOUYATÉ, welche der singende Multiinstrumentalist aus Bonn durch den Kontakt über das senegalesisches Platten-Label „Blue Saxo“ kennenlernte, weil dieses Label seit 2008 sich bereits im Internet für seine Musik - besonders die beeindruckenden Videos - interessierte. Bei einer Deutschlandtournee der Senegalesin begleitete sie dann auch NILS KERCHER und wohl aus diesem Grunde enthalten zwei Stücke auf seinem aktuellen Album ihren Gesang, womit wir beim zweiten bemerkenswerten Titel wären.

„Yiri Fere“, ein wirklich extrem bewegender Song, erzählt eine, für uns „fortschrittlich denkenden Europäer“, fast unglaubliche Geschichte vom Beschneidungs-Ritual in Guinea. Diese Geschichte war so bewegend, dass ich NILS KERCHER im Rahmen dieser Kritik darum bat, mir diese aufzuschreiben, um auf die Dimension verweisen zu können, welche sich beispielsweise hinter einem einzigen Lied - dem Poem of our Life - verbergen kann. Darum gehören die nächsten Zeilen dieser Kritik NILS KERCHER:
„Ich habe das Lied von einem alten Mann in Guinea gelernt, der als kleiner Junge von seiner Großmutter und seiner Mutter, die beide als Beschneiderinnen bzw. Pflegerinnen für die Beschneidung tätig waren, manchmal zu diesen Orten im Busch gebracht wurde, die recht weit vom Dorf entfernt lagen, wo die Mädchen ihr Beschneidungs-Ritual und die Zeit der Heilung danach verlebten. Dieses Lied wurde ausschließlich in diesem nicht-öffentlichen Kreis der Mädchen gesungen und der alte Mann hatte es gelernt, weil er als Kind durch die Arbeit seiner Mutter diesen sonst für Außenstehende (schon gar nicht für Jungen oder Männer) nicht zugänglichen Rahmen kennenlernte.
Im traditionellen Lied wird von Vertrauen gesungen:
‚Ich vertraue Dir,
(Gemeint ist die Pflegerin, die die Mädchen nach der Beschneidung gesund pflegt!)
weil mein Vater, weil meine Mutter
mich Dir anvertraut haben.‘
Uns hat das Lied sehr berührt. Wir finden, es hat eine wunderschöne Melodie, und dann wird gleichzeitig von Kindern - für uns herzzerbrechend - über Vertrauen gesungen in einem so grausamen Zusammenhang, in dem man von unserer Perspektive aus natürlich in keiner Weise von Vertrauen sprechen kann.
Uns hat auch die Erzählung des alten Mannes berührt, auch für ihn wirkte diese Erinnerung wie ein trauriges Erbe, ein Schmerz, den er mit sich trug. Uns wurde auch hier wieder klar, wie alle Beteiligten unter dieser Tradition leiden - zuallererst natürlich die Mädchen und Frauen selbst, aber durch das Leid ihrer Mütter, Schwestern, Ehefrauen aber eben auch die Jungen und Männer.
Kira hat dann einen Text auf der gleichen Sprache (Malinke) geschrieben und wir haben es zu dem traditionellen Lied hinzugefügt - im gleichen poetischen Stil, wie es häufig dort üblich ist, Dinge anzusprechen:
‚What do you do with the flower in
your hand?
what do you do if a butterfly
lands on your palm?‘
Außerdem haben wir die junge senegalesische Sängerin Mariama Kouyaté gebeten, dazu zu singen.
Sie singt auf Mandinka: „Wenn jemand Dir sein Vertrauen schenkt, füge ihm keinen Schmerz zu…“
Berührend ist dabei, dass sie selbst aus einer Kultur stammt, in der bis heute vielfach die Praxis der Mädchenbeschneidung beibehalten wurde, das Lied also sehr nah an ihrer eigenen Erfahrung ist… Sie hat selbst ein Stück zu diesem Thema mit dem Titel ‚Excision‘ auf ihrem Album herausgebracht.
Als wir ihr das fertige Stück vorgespielt haben, war sie sehr berührt davon.
Uns geht es in keiner Weise darum, mit dem Finger auf andere Kulturen zu zeigen. Wir sind uns bewusst, dass es hier bei uns genügend Themen gibt, wo wir uns selbst immer wieder hinterfragen können, ob wir dem Vertrauen, welches uns von anderen entgegengebracht wird, insbesondere von Kindern, gerecht werden. Emotionalen oder physischen Missbrauch gibt es in allen Kulturen.“

Worte, die einfach in dieser Kritik nicht fehlen durften, weil durch sie das Album mit seiner ganzen Intensität noch greifbarer wird.
Dem Hörer noch mehr zu Herzen geht!

Eigentlich könnte nun zu jedem der weiteren Stücke, die sich immer wieder langsam aufbauen und steigern, dabei viel Zeit lassen (jeweils zwischen 6 - 10 Minuten), und Zärtlichkeit oder Zerbrechlichkeit mit Dynamik und Leidenschaft in Einklang bringen, viel geschrieben und erzählt werden. Doch warum eigentlich hören diejenigen, die bis hierher gelesen haben, dieses Album nicht einfach selbst?

Ein letzter musikalischer Appetit-Happen soll deshalb diese Kritik beenden. „Tuuli Itkee“ vereint in sich heiße Afro-Rhythmen, minimalistische Streicher und den sphärischen, finnischen Gesang von Kerchers Lebenspartnerin KIRA KAIPAINEN. Der Song ist eine Hommage an die einerseits zerstörerische, aber andererseits zugleich kathartische Kraft eines Tsunamis. Lassen wir uns also davon treiben und fortreißen, um uns nach dieser einen Stunde Musik wie neugeboren zu fühlen.

FAZIT: Die Musik-Verse, die NILS KERCHER mit diesem Album sich und seinen Hörern hinzufügt, sind etwas Bleibendes. So bleibend wir das Gedicht, welches uns bewegt, weil wir noch bewegt sein können und weil das Spiel der Mächte noch nicht die Allmacht über uns erlangt hat. Wer noch immer hören und fühlen kann, der darf sich gerne ganz tief in „Suku - Your Life Is Your Poem“ fallen lassen!

Thoralf Koß - Chefredakteur (Info) (Review 1829x gelesen, veröffentlicht am )

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Wertung: 14 von 15 Punkten [?]
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Tracklist:
  • Unbroken Spell
  • Tamala
  • Djigi Tshena
  • The Night
  • Naboulou
  • Suku - Your Life Is Your Poem
  • Tuuli Itkee
  • Yiri Fere
  • Of Water And Sand

Besetzung:

Alle Reviews dieser Band:

Interviews:
Kommentare
Ulrich Kubitscheck
gepostet am: 19.02.2016

User-Wertung:
15 Punkte

Eine sehr hilfreiche Besprechung der CD und der Hintergründe ihrer Entstehung. Vielen Dank! Die Musik höre ich seit der Veröffentlichung des ersten Videos und finde sie einfach großartig: zart, komplex und beglückend. Die CD webt akustische Klangteppiche, die weit tragen.
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