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Dwiki Dharmawan: Anagnorisis (Review)

Artist:

Dwiki Dharmawan

Dwiki Dharmawan: Anagnorisis
Album:

Anagnorisis

Medium: CD/Download
Stil:

Jazz

Label: MoonJune Records
Spieldauer: 69:23
Erschienen: 14.11.2025
Website: [Link]

„In einer Zeit, in der das Ideal einer sich gegenseitig unterstützenden, multikulturellen globalen Gesellschaft durch Kräfte des engstirnigen Nationalismus und der Intoleranz angegriffen wird, sind mutige und kompromisslose Bekenntnisse zur gemeinsamen Menschlichkeit wie Anagnorisis für das Wohlergehen unserer Spezies wichtiger denn je. Mögen musikalische Botschafter wie DWIKI DHARMAWAN und seine Mitstreiter uns noch lange den Weg in die Zukunft weisen.“ (Nachzulesen unter der MoonJune-bandcamp-Seite zu diesem aktuellen DWIKI DHARMAWAN-Album, das voller neuer Erkenntnisse steckt!)

Die Zeiten werden finsterer! Kälter! Grausamer! Beängstigender!
Überall lauern bösartige Monster – real wie sinnbildlich – auf uns.
Monster, die ähnlich erscheinen, wie auf dem Album-Cover von DWIKI DHARMAWANs aktuellen Album „Anagnorisis“, welches ähnlich bedrohlich, bedrückend und finster wie das darauf vorgestellte Cover-Motiv klingt.


Leider hat dieser beunruhigende Stimmungswandel auch zur Folge, dass sich die Musik immer stärker dem Jazz und dessen freier Spielart öffnet, die rockigen und weltmusikalischen Elemente aber stärker zurückfährt.
Purer Jazz statt verspielter Jazz-Rock. Ausgiebige Improvisationen statt klar erkennbare Rhythmus-Strukturen. Und ein Blick auf die Besetzungsliste beweist diesen Eindruck. Denn hier fehlen alle Musiker der vorangegangenen Alben, wie beispielsweise der großartige Schlagzeuger Asaf Sirkis oder solch begnadete Gitarristen wie Markus Reuter oder Mark Wingfield, deren Spiel den Dharmawan-Alben immer einen gewissen progressiven Rock-Geist einhauchte.
Auch die Sänger, mitunter reine Vokal-Akrobaten, sind verschwunden.
Wer also mehr dem Jazz und dessen (Un-)Strukturiertheit zugewandt ist, der wird tatsächlich zu der Erkenntnis gelangen, dass „Anagnorisis“ ein insgesamt etwas verhalteneres, nicht sonderlich auf Dynamik setzendes, trotzdem perfekt eingespieltes, aber irgendwie ziemlich typisches und weniger komplexes Jazz-Album geworden ist.
Nur reicht das bei solch einem kreativen Kopf und begnadeten indonesischen Pianisten wie DWIKI DHARMAWAN, dessen leidenschaftliches Spiel an den schwarzen und weißen Tasten durchaus mit dem eines KEITH JARRETTs verglichen werden darf, wirklich?

Erkenntnis?!
Dieses Mal setzt DWIKI DHARMAWAN auf die Unterstützung griechischer Musiker – und kommt hierbei zu welcher Erkenntnis?
Vielleicht der, dass er viel mehr wieder dem klassischen, freien und verspielten Jazz huldigen will.
Darum wohl auch der Albumtitel „Anagnorisis“, der aus dem Griechischen übersetzt „Erkenntnis“ bedeutet und neuerdings stärker auf Flöten setzt, auch wenn weiterhin Bassklarinette und Sopransaxophon den Keyboarder sowie seinen Gitarristen, Bassisten und Schlagzeuger unterstützen. Trotzdem ist hier viel mehr Jazz-Minimalismus angesagt, wobei besonders immer wieder der ungewöhnlich Klang der Ney, eine persische Längsflöte aus Schilfrohr, heraussticht.


Hier bewahrt sich Dharmawan seine indonesischen Wurzeln, verziert diese mithilfe seiner griechischen Mitstreiter Kimon Karoutzos, Harris Lambrakis, Vironas Ntolas und Nikos Sidirokastritis sowie dem in Israel geborenen Saxophonisten und Schriftsteller Gilad Atzmon (auch schon aktiv bei ROBERT WYATT und PINK FLOYD) mit einem weiteren weltmusikalischen Anstrich, wobei insgesamt aber der klassische Jazz typisch europäischer Prägung überwiegt, in dem neben dem Piano besonders dem Schlagzeug und das Saxophon viele Freiräume freigeschaufelt werden, in denen sie sich mitunter solistisch entfalten können.
Rockiges oder Progressives sucht man allerdings vergebens.

„Jazz For Freeport“ bricht auf angenehme Art aus den etwas zu festgezurrten Jazz-Strukturen mit einem recht ausgelassenen Freebop aus und auch „Ya Kita Bisa“ versteckt ein paar Blues-Anklänge in den recht frei improvisierten 5 Minuten, die dem zuvor der Ney huldigenden 13-Minuter „Gambang Ney“ folgen.
Bei dem sehr guten Sound und der Stereo-Qualität wird „Anagnorisis“ für jeden experimentell orientierten Jazz-Freund zum Genuss. Wer allerdings auf ein weiteres, den progressiven Jazz-Rock auslebendes Dharmawan-Album hoffte, der wird von diesem griechisch-indonesischen Zusammenschluss hochbegabter Jazz-Musiker dann doch enttäuscht sein.


FAZIT: DWIKI DHARMAWAN kommt auf „Anagnorisis“ (griechisch für Erkenntnis) wortwörtlich zu der Erkenntnis, sich deutlich dem puren, frei improvisierten Jazz zuzuwenden, bei dem der ungewöhnlich Klang der Ney, einer persischen Längsflöte aus Schilfrohr, für ein paar besondere Spannungsmomente sorgt. Leider hat dieser erkenntnisreiche Stimmungswandel auch zur Folge, dass sich die Musik immer stärker dem Jazz und dessen freier Spielart zuwendet, die rockigen und weltmusikalischen Elemente stärker zurückfährt und sich von den Prog-Rock-Tendenzen oder einer breiten Fusion völlig abwendet. Ob das für mehr Aufmerksamkeit rund um den begnadeten Jazz-Pianisten sorgt, bleibt abzuwarten. Vermutlich wohl nicht.

Thoralf Koß - Chefredakteur (Info) (Review 135x gelesen, veröffentlicht am )

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Tracklist:
  • Gambang Ney
  • Ya Kita Bisa
  • Pacu Javi
  • Perjuangan
  • Kereta Keren
  • Jazz For Freeport
  • Timun Mas
  • Lima Dadakan
  • Toledo Train
  • Anagnorisis

Besetzung:

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