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Opeth: In Live Concert At The Royal Albert Hall (DVD) (Review)

Artist:

Opeth

Opeth: In Live Concert At The Royal Albert Hall (DVD)
Album:

In Live Concert At The Royal Albert Hall (DVD)

Medium: DVD
Stil:

Progressive Death Metal

Label: Roadrunner Records
Spieldauer: ca. 175 Min. (Konzert) + ca. 85 Min. (Bonus)
Erschienen: 17.09.2010
Website: [Link]

Zum ersten Mal "cunt" sagen in der Royal Albert Hall. Zum ersten Mal den Blastbeat hämmern lassen in der Royal Albert Hall. Zum ersten Mal Death Metal erklingen lassen in der Royal Albert Hall.

Die Entweihungen und Premieren für das 140 Jahre alte Gebäude häufen sich zum Anlass des 20-jährigen Bandbestehens von OPETH. Ehre bekommt, wem sie gebührt, und so finden sich die Schweden 2010 in der Royal Albert Hall wieder, einem, wie Mikael Åkerfeldt es formuliert, "house of finest culture". Es ist ein Prestige, hier zu spielen, das weiß Åkerfeldt; der Frontmann hat sichtlich Spaß daran, die Fußmatte vor der Rundhalle zu umgehen und den Dreck der gesellschaftlich bisher noch verpönten Metal-Spielart Death Metal auf dem gewienerten Boden zu verteilen. Findige Köpfe lesen aus dem Bandnamen schon seit langem die Wörter "Opera" und "Death" heraus, und in der Tat haben OPETH großen Anteil daran, dass Grunts 'n Growls, wenn auch längst noch nicht so populär wie Rock 'n Roll, zaghaft Einzug finden in die Akzeptanz der Musik-Hochkultur. Kultivierte Menschen, die mit nackten Fingern auf angezogene Death Metaller zeigen und etwas von "Teufelswerk" schreien, werden immer seltener.

So relativiert sich auch das "Braucht man das noch?"-Argument, mit dem "The Roundhouse Tapes"-Besitzer schwenken könnten, weil das darauf enthaltene Konzert erst vor drei Jahren erschien und das zu allem Überfluss ebenfalls in einer Londoner Location. "Live at Royal Albert Hall" ist nochmals eine ganz andere Erfahrung. Hauptgegenstand, und das, obwohl wir uns im Jahr 2010 sowie vier Alben weiter befinden, ist die komplette Aufführung von "Blackwater Park" (2001). Auch wenn man sich gerade bei OPETH unendlich lange streiten kann, welches das beste Album ist, "Blackwater Park" wird immer wieder auf den oberen Plätzen geführt und dies zu Recht. Zum Zwecke der Kultivierung von Death Metal ist "Blackwater Park" ohnehin bestens geeignet, denn keinem Album der Schweden ist es bislang besser gelungen, Härte und Sanftmut, Technik und Gefühl, Kraft und Progressivität kohärenter erscheinen und koexistieren zu lassen als diesem.

Die Umsetzung lässt keine Wünsche offen. Perfekt gespielt, aber nicht zu perfekt, sprich zu synthetisch – kleine Variationen sorgen dafür, dass der Sound organisch bleibt. Höhepunkte wie die überirdische mehrfach überlagerte Gitarrenspurlinie von "The Drapery Falls", die sich zusammen- und auseinanderzieht wie eine psychotische Mundharmonika, zergehen auf der Zunge. Qualitativ gesehen sind zwischen Album und Live-Darbietung keine Unterschiede zu machen. Die Performance-Unterschiede indes (mal ein etwas anders interpretierter Refrain, mal ein zusätzlich eingefügtes Solo) funktionieren mindestens so gut wie die Originale. Zudem kommt die Instrumentierung äußerst differenziert daher: Gitarren, Bässe, Schlagzeug, Stimmen, Pianos und Sonstiges sind allesamt einzeln auszumachen und verdichten sich zu einem inhaltsreichen Ganzen. Zwar weist das sympathisch formulierte Promoschreiben darauf hin, dass die Besprechungsmaterialien in Bild und Ton aufgrund von Herunterrechnung nicht der Kauf-DVD entsprechen (und leider sind die Materialien auch der Grund dafür, dass weder Menüs noch Verpackung begutachtet werden konnten), aber warum so bescheiden? Das Resultat kann sich durchaus sehen lassen.

Dieser Teil des Konzertes dauert rund 70 Minuten und ist damit wesentlich kürzer als der zweite Teil (ca. 105 Min.), bei dem nun chronologisch jeweils ein Song pro vollendetes Album gespielt wird, angefangen bei "Orchid" bis hin zum aktuellen "Watershed". Doch wenigstens Åkerfeldt dürfte der erste Teil deutlich länger vorgekommen sein – schließlich durfte er während der Aufführung von "Blackwater Park" keine Zwischenansagen machen! Die dem Konzept geschuldete selbst auferlegte Maulsperre macht dem nebenberuflichen Entertainer mächtig zu schaffen. Einmal hebt er seinen Finger und macht Anstalten, das Schweigen endlich zu brechen, bevor er sich zerknirscht doch wieder dem nächsten Stück zuwendet – zum Amüsement des Publikums.

Dann endlich darf, ja muss Åkerfeldt kleine Erzählungen zwischen die Songs setzen, womit Teil 2 zur lupenreinen Retrospektive wird. In seiner typisch trockenen Art reißt er ein Brett nach dem anderen, von der Feststellung, dass er bei den Aufnahmen zur dritten Platte "My Arms, Your Hearse" zehn Jahre alt war, bis hin zu obskuren Erzählungen aus der Steven-Wilson-Ära ("Blackwater Park", "Deliverance", "Damnation"), inklusive der Feststellung, dass sich Wilson und er zum Dinner getroffen und dort geküsst hätten. Der gegenseitigen musikalischen Befruchtung, die damals stattfand, begegnet Åkerfeldt hier mit deutlicher Selbstironie.

Die Reise geht dann chronologisch durch die zurückliegenden Jahre, wobei zumeist die jeweiligen Opener gespielt werden. Man spürt deutlich, wie der OPETH-Sound nach der Candlelight-Periode progressiver und vielschichtiger wird, irgendwann auch weicher und zugänglicher ("Damnation"), doch Growls und Blastbeats haben sich auch 2010 noch nicht verabschiedet. Es muss, diese Lektion geben OPETH der Welt mit auf den Weg, kein Nebeneinander der Stile mehr sein, es kann auch ein Miteinander sein. Gebt dem Growling eine Chance!

Die Regie fokussiert sich sehr auf das Bühnenbild. Schwenks auf das Publikum gibt es eher selten, und wenn, dann handelt es sich oft um Totale, die das prachtvolle Rund einfangen. Die Inszenierung der Band findet ebenfalls verhältnismäßig selten über Close Ups statt, eher werden verschiedene Kameraperspektiven verwendet, um die Musiker von allen Seiten einfangen zu können. Mit Ausnahme des Frontmanns bleiben sämtliche Musiker eher kleine Formen, die sich in einer Lichtshow bewegen, als Schauspieler. Dem Kunstanspruch kommt der Regiestil durchaus zugute, zumal die "Zwischenmenschlichkeit" nicht darunter leidet – die Verbindung zwischen Band und Publikum ist trotzdem jederzeit präsent. Schön ist es auch, dass von allzu krassen visuellen Stilmitteln Abstand genommen wird, so dass die Videoshow auf der großen Leinwand mit ihren stimmigen Impressionen ungestört Atmosphäre verbreiten kann.

Die Specials verbreiten keine sonderlich neuen Erkenntnisse. Das 40-minütige Interview mit Åkerfeldt besteht aus einer Fragensammlung, die Fans zusammenstellen durften. Hier erfährt man unter anderem, dass Åkerfeldt sich nicht für witzig hält, aber von Devin Townsend lernen konnte, sich selbst und Metal nicht allzu ernst zu nehmen; man erfährt von den Ursprüngen, ohne Geld in der Tasche und nur mit einer Gitarre und einem coolen Riff bewaffnet; wie das Leben als erfolgreicher Musiker seine Handlungen verändert hat, zum Beispiel in Form wohltätiger Zwecke ("like Bono!"); dass er durchaus gerne mal den Soundtrack zu einem Film beisteuern würde, wenn er den Film mögen würde; und dass er von der Ferrell-Klamotte "Die Stiefbrüder" bis hin zu Scorseses Mafiaepos "Goodfellas" alles mögliche guckt. Manche Fragen sind substanzvoller, andere eher stupide, doch alles wird mit der gleichen Aufmerksamkeit beantwortet.
Die Doku zur "Evolution XX: An OPETH Anthology"-Tour ist eigentlich gar keine. Es handelt sich hier um einen Backstage-Zusammenschnitt, nicht unähnlich den B-Rolls aus Film-Bonusmaterialien. Ein paar Fans, die in den Genuss eines Meet & Greet kamen, werden interviewt, man sieht Åkerfeldt in einem Essener Hotelzimmer mit Handtuch um den Kopf gewickelt und einer Flasche "Head and Shoulders" in der Hand sitzen und darüber referieren, dass "Essen" das deutsche Wort für "to eat" ist. Ein Besuch im Dönerladen ist auch dabei. Das ist alles amüsant, aber natürlich nicht gerade informativ.

FAZIT: Das Cover spielt nicht umsonst auf DEEP PURPLEs "Concerto For Group And Orchestra" an, das ebenfalls in der Royal Albert Hall stattfand und als Fallbeispiel für die Verschmelzung von Rock und Sinfonieorchester gilt. OPETH nutzen dieselbe Plattform, um ihre Ursprünge aus dem Untergrund zu heben und den höher gestellten musikalischen Schichten zu unterbreiten. Weder die langen Haare der Bandmitglieder noch die dreckigen Witze des Sängers noch dessen Gegrunze können Feinklangpuristen länger von sich abwehren – dazu ist das seit zwanzig Jahren reifende Vermächtnis von OPETH zu gewaltig und wichtig geworden. Und in dieser komfortablen Situation machen lange Haare, dreckige Witze und Gegrunze natürlich doppelt so viel Spaß.

Das Konzert wurde als Doppel-DVD sowie als 5-Disc-Set (2 DVDs, 3 CDs) veröffentlicht.

Sascha Ganser (Info) (Review 5032x gelesen, veröffentlicht am )

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Tracklist:
  • Set 1 (Album "Blackwater Park"):
  • The Leper Affinity
  • Bleak
  • Harvest
  • The Drapery Falls
  • Dirge For November
  • The Funeral Portrait
  • Patterns In The Ivy
  • Blackwater Park
  • Set 2:
  • Forest Of October (von "Orchid")
  • Advent (von "Morningrise")
  • April Ethereal (von "My Arms, Your Hearse")
  • The Moor (von "Still Life")
  • Wreath (von "Deliverance")
  • Hope Leaves (von "Damnation")
  • Harlequin Forest (von "Ghost Reveries")
  • The Lotus Eater (von "Watershed")

Besetzung:

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Kommentare
Hippie
gepostet am: 14.02.2011

User-Wertung:
15 Punkte

Eine absolut gut geschriebene, informative und auch unterhaltsame Rezension.

Dazu gibt es nichts mehr zu sagen. Ein Livealbum das 30 von 15 punkten verdient.
(-1 bedeutet, ich gebe keine Wertung ab)
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